Hans Peter Dürr (1929 in Stuttgart geboren) ist ein deutscher Atomphysiker. In den 60er und 70er Jahren arbeitete er zusammen mit Werner Heisenberg, dem Begründer der Heisenbergschen Unschärferelation, wonach in der Quantenphysik zwei Teilchen nicht gleichzeitig messbar sind. Bis 1997 war Dürr Direktor am Max Planck Institut für Physik in München. 1987 gründete er in Starnberg die Initiative "Global Challanges Network", deren Mitglieder sich mit politischen, sozialen, kulturellen Fragen auseinandersetzen und das Ziel verfolgen, konstruktive Lösungen für die Erhaltung und Verbesserung der Umwelt zu finden. Dürr setzt sich für Friedenslösungen auf der Welt ein und ist Mitglied des Clubs of Rome sowie der Organisation "World Future Council".
Dieses knapp 100 Seiten umfassende Traktat behandelt neue Ansichten im Bereich der Physik aus geisteswissenschaftlicher Sicht. Das größte Problem und aller größte Fehler besteht für Hans Peter Dürr darin, dass wir noch immer jene wissenschaftlichen Ansichten in geisteswissenschaftlichen Fragen haben, die dem physikalischen Weltbild des 19. Jahrhunderts entsprechen:
"Neue Technologie altes Denken
Das nächste Problem ist eine Inkonsistenz zwischen Denkweise, Technologie und zukünftigen Erfordernissen. Wir haben eine Denkweise, die immer noch die alte ist - nämlich die des 19. Jahrhunderts - in der wir die Welt als eine materielle, mechanistische Maschine betrachten, ein mechanistisches und materialistisches Weltbild. Aber unsere heutige Technik ist auf einer ganz anderen Vorstellung aufgebaut, eben auf den Errungenschaften dieser neuen Betrachtung, die Physiker vor etwa hundert Jahren herausgefunden haben. Daraus folgt ein ganz anderes Weltbild. Diese neuen Vorstellungen haben wir uns aber nicht zu eigen gemacht, wir denken noch immer genauso wie die Menschen im 19. Jahrhundert gedacht haben. Sowohl der Marxismus als auch der Kapitalismus sind Denkmuster des 19. Jahrhunderts."
Durch diese alten Ansichten, dieser Wunsch, die Realität sei etwas Vorbestimmbares, etwas genau Erklärbares, verbauen wir uns viele Möglichkeiten, die Welt, unsere Realität selber zu gestalten und im richtigen Licht zu sehen. Genau betrachtet bedeutet Realität für Hans Peter Dürr nichts anderes als Potenzialität. Die Wirklichkeit kann nur zum Teil vorbestimmt werden, jeder Mensch hat die Möglichkeit seine "weiße Spielkarte" selbst zu beschriften und zu gestalten. Die Zukunft ist gleichzusetzen mit Möglichkeit.
Im Prinzip erklärt Dürr, warum wir Menschen uns das Leben selber schwer und eingeschränkt gestalten, der Grund ist unser Bedürfnis nach Sicherheit und Macht. Aber die Quantenphysik - wenn sie auf den Geist extrapoliert wird - bedeutet Unsicherheit, Wahrscheinlichkeit und Unbeobachtbarkeit. Andererseits ist es, gerade aufgrund dieser Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheiten, möglich, die Wirklichkeit offen zu lassen und selbst zu gestalten. Wenn alles vorherbestimmt ist und die Wirklichkeit, wie im 19. Jahrhundert, nur auf das objektiv Feststellbare reduziert wird, dann fehlt der entscheidende Teil: das Geistige, Mystische, das, was nicht erklärbar ist, was aber zum Leben dazugehört und das Wichtigste im Leben ist.
Die materialistische, kapitalistische Welt des Westens hat einen großen Nachteil: das Geistige kommt dabei zu kurz. Wir sehnen uns nach Geistigem, deshalb fühlen sich heute viele Menschen einsam und verloren.
Dürr gelangt auch zu dem Schluss, dass Materie eigentlich eine Illusion ist. Wenn man einen Gegenstand, den man greifen kann, näher betrachtet, zerfällt er zum Nichts:
"Es gibt keine Materie!
Ich habe als Physiker fünfzig Jahre lang - mein ganzes Forscherleben - damit verbracht zu fragen, was eigentlich hinter der Materie steckt. Das Endergebnis ist ganz einfach. Es gibt keine Materie! Ich habe somit fünfzig Jahre an etwas gearbeitet, was es gar nicht gibt. Das war eine erstaunliche Erfahrung: Zu lernen, dass es das, von dessen Wirklichkeit alle überzeugt sind, am Ende gar nicht gibt."
Für Dürr ist Wirklichkeit ein besseres Wort als Realität, denn für ihn besteht die Welt, das Universum aus wirksamen Kräften, alles was ist wirkt in irgendeiner Weise durch energetische Kräfte. Alles verändert sich und wandelt sich ständig, wie Heraklit bereits meinte, Leben bedeutet Veränderung, Wandel, Möglichkeit:
"Wirklichkeit ist keine starre Realität draußen, sie ist voller Möglichkeiten draußen und in uns. Sie kann von uns geändert und neu gestaltet werden. Wenn wir alle diese offenere Wirklichkeit als Vision in uns und vor uns haben, dann wird es uns letztlich auch gelingen, diese lebendigere Welt mit verwirklichen zu können."
Interessant ist auch der Gedanke, dass es eigentlich nichts gibt, "was man greifen kann, sondern nur das, was dazwischen ist." Dass wir denken, wissen und glauben, die Umwelt um uns sei begreif- und greifbar, resultiert daher, dass wir die Welt auf das reduziert haben, was wir wirklich begreifen können, damit wir uns miteinander verständigen können. Wir benutzen Wörter und Begriffe, die wir selbst willkürlich erfunden haben, vergessen aber, dass sämtliche Wörter, ja sogar unsere Beobachtungen, unsere Sinnes Eindrücke auf Konventionen beruhen, die sich im Laufe der Zeit unter den Menschen etabliert haben. Schon allein unser Farbsinn, d.h., dass wir verschiedene Farben sehen und benennen, war für die Menschen im Altertum nicht selbstverständlich oder wichtig. In der Ilias und der Odyssee von Homer werden keine Farben genannt, warum bloß? Mit diesem Thema, sowie mit dem Thema, wie und warum wir unsere Kommunikation beliebig gestalten und unsere Sprache nach bestimmten Regeln benutzen, beschäftigt sich Guy Deutscher in seinem neuen Buch "Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht". Wenn alleine die Sprache die Macht hat uns verschiedene Weltbilder zu liefern, je nachdem welche Sprache wir sprechen, wie falsch müssen wir dann mit all unseren anderen Erkenntnissen liegen? Man denke nur wie wir einen Roman lesen und interpretieren, je nachdem ob wir uns auf die Handlung konzentrieren oder es aus sprachwissenschaftlicher Sicht analysieren; es gibt so viele, unterschiedliche gedankliche Annäherungen an einem Thema, selbst an greifbaren Objekten, dass man unmöglich die Realität als ganzes erfassen kann. Wenn zwei Menschen das gleiche Zimmer betreten, sehen sie jeweils eine andere Welt vor sich liegen. Es ist beiden unmöglich, genau das gleiche zu sehen. Und so ist es unmöglich, die zukünftige Wirklichkeit objektiv zu beschreiben.
Dürr geht davon aus, dass Lebendigkeit nur dann entstehen kann, wenn man Zeit und Raum offen lässt, wir Menschen aber teilen alles zeitlich und räumlich ein, weil wir uns sonst verloren vorkommen. Wir merken aber, dass die Realität, wie wir (Wissenschaft und Wirtschaft) sie uns zurecht gedacht haben, keine Chance hat uns davon zu überzeugen, dass sie die einzige Realität ist, die es gibt. Wenn das so wäre, würden wir uns nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, was nach dem Tod ist und wir würden auch nicht ständig neue wissenschaftliche Entdeckungen machen und alte Entdeckungen revidieren und für falsch erklären. Laut Dürr müssen wir uns einer Dimension öffnen, die es uns erlaubt nicht nur über uns selbst hinaus zuwachsen, sondern ein größeres, umfassenderes Weltbild zu bekommen, als wir derzeit besitzen. Zum Schluss versucht Dürr sogar neue physikalische Gesetzmäßigkeiten auf den Menschen zu projizieren und meint, dass unser Geist, unser Bewusstsein, das, was wir "Ich" nennen, nicht etwas ist, was in uns selbst eingeschlossen ist, begrenzt in Zeit und Raum insofern, dass es in unseren Körpern steckt, sondern über uns hinaus, über Raum und Zeit ausgebreitet ist:
"Mein "Ich" ist nicht im Raum lokalisiert, verbirgt sich nicht unter meiner Haut oder nah an meinem Herzen, sondern ist unendlich ausgebreitet. Du und Ich kommunizieren nicht über räumliche Distanz miteinander, wir sind in Kommunion, wo mein Ich und dein Du ausgedehnt sind, so dass beide sich nicht nur treffen, sondern den anderen mit einschließen."
Insgesamt wird in diesem Buch erklärt und darauf hingewiesen, dass wir Menschen von unserer Umwelt nicht getrennt sind, alles beeinflusst sich gegenseitig, auch über Zeit und Raum hinweg (Chaostheorie). Genau genommen gibt es Zeit und Raum und all die Gegenstände, die wir zu sehen glauben, gar nicht. Es gibt nur Beziehungen und das was sich zwischen den Gegenständen, zwischen Raum und Zeit befindet. Ich würde das zwar nicht so streng sehen, denn es wird schon einen Grund haben, warum wir Menschen genauso wie jetzt miteinander sprechen und leben, aber ich finde auch, dass der Mensch sich viel zu sehr durch konventionell bestimmte Erscheinungen einschränken lässt. Die geistige Komponente wird heutzutage insofern vernachlässigt, als das versucht wird, mit alten "Werkzeugen", etwas Neues zu bestimmen (alle religiösen und geistigen Sekten, sowie Sprache und Wissenschaft rechne ich zu alten Werkzeugen).
Lesen Sie weiter... ›