Wäre Oliver Reuther Diplom-Ingenieur geblieben, hätte er dieses Buch kaum geschrieben. Zumindest nicht in dieser Form und mit diesem Titel. Aber der Autor ist eben auch ein vielfältiger Medienmensch und daher mit dem Show-Business ziemlich vertraut. Zudem hat er offenbar das Schultrauma überwunden, vor der Klasse über ein Thema zu referieren, das eigentlich gar niemanden interessiert. Restbestände schulischer Prägungen sind allerdings trotzdem auszumachen und hätten Oliver Reuther beinahe die Bestnote gekostet. Damit meine ich seinen Hang, auch noch das letzte Detail ins Programm aufzunehmen und erklären zu wollen. Immerhin hat dies im vorliegenden Fall den Vorteil, dass der Leser eine Mischung zwischen Showprogramm, Handbuch und Erfahrungsbericht erhält. Der Umfang dieses Werks scheint den Autor selber überrascht zu haben. Jedenfalls bietet er im Netz eine 40-seitige Kurzfassung zum kostenlosen Download an. Und Zusatzmaterial, dessen grafische Gestaltung allerdings mit derjenigen des Buches nicht mithalten kann.
Nebst dem Titel signalisieren auch die Gestaltung und das vertrauliche "Du", dass sich Oliver Reuther kein Publikum vorstellt, in dem die Mehrheit Nadelstreifenanzüge oder schwarze Kostüms trägt. Sein Buch sei für Show-Anfänger gedacht, schreibt Reuther gleich zu Beginn. Für Schülerinnen und Schüler, Menschen in der Ausbildung, an der Uni oder frisch im Job. Und weil solche Eingrenzungen leider die Verkaufszahlen drücken, schiebt Reuther nach, dass erfahrene und seriöse Präsentatoren halt einfach damit leben müssen, dass er "Du" und "Geil!" sage. Dass dies möglich ist, zeigt meine Besprechung.
Nach der Bedienungsanleitung, dem Verweis auf die Internetseite und anderem Vorgeplänkel geht es mit dem ersten Kapitel "Showtime" los. Aufmerksamen Besitzern anderer Rhetorik- und Präsentationsbüchern fällt schon nach wenigen Seiten auf, dass auch Oliver Reuther nur mit Wasser kocht und keine völlig neuen Menükarten auf den Tisch legt. Aber er kocht einfach leidenschaftlicher, deckt schöner auf, variiert die verschiedenen Gänge kreativer, und sorgt zwischendurch für kleine Überraschungen. Eher dem Traditionellen verhaftet bleibt der Autor, wenn er seine Gäste motivieren will. Denn Befehlssätze bleiben auch ohne Ausrufezeichen Befehlssätze. Und Formulierungen wie "Zeige dich lebendig" oder "Was immer du tust, tu es gern" bleiben sinnlos. Doch wer die klassische Sozialisierung hinter sich hat, darf auch rückfällig werden. Die Ausrutscher halten sich in engen Grenzen.
Nach der meist unterhaltsamen Einführung in den Showteil folgt ein 30seitiger Theorieblock, in dem Oliver Reuther einen Ausflug ins Reich des Gehirns macht und daher folgerichtig auf Storytelling zu sprechen kommt. Wie die Show konkret vorbereitet wird, erfährt das Publikum dann im vierten Kapitel. Und schnell wird ihm klar, was der Autor unter Praxisnähe versteht. Jetzt werden Drehbücher angelegt, Themen angelacht, Titel ausgedacht, Ziele festgelegt, Zielgruppen kennengelernt, Show-Formen ausgewählt. Es werden Fragen gestellt und geeignete Antworten im Internet und bei den Menschen gesucht. Und nachdem die Botschaften benannt und zugeordnet sind, wird das Storyboard entwickelt.
Wie und wo ein Showmaster sein Material sammelt, gibt Oliver Reuther im fünften Kapitel preis, wobei zur dieser Lektion auch Kurse in Fotografie und Grafik gehören. Schon beinahe ein eigenes Buch ist dann das sechste Kapitel "Show gestalten", in dem wir im Detail erfahren und lernen, wie Folien gebaut werden. Wer Reuthers Anweisungen und Tipps befolgt, wird mit Sicherheit keine gewöhnlichen Power-Point-Präsentationen mehr halten. Zum Abschluss offeriert Oliver Reuther noch Nachhilfestunden im Schreiben von Sprech- und Handzettel. Checklisten-Fetischisten kommen zwischen Dankesworten und Buchtipps ebenfalls voll auf ihre Kosten. Und für Vergessliche hat es noch einen Index.
Mein Fazit: Schüler, Studenten und Berufsanfänger werden sich am "Du" und einigen saloppen Formulierungen nicht stören. Und wer einfach besser präsentieren möchte, wird sich auch deshalb damit abfinden, weil ihm ein Informationspaket geboten wird, das überzeugt, außergewöhnlich hübsch verpackt ist und nur selten Erinnerungen an langweiligen Schulunterricht weckt. Ein Buch für Showmaster und alle, die ihre Präsentationen in eine Show verwandeln möchten, die beim Publikum ankommt.