Aus der Geschichte läßt sich vieles lernen.
Kein Themengebiet beweist dies mehr als die Geschichte der Medizin und hier , dies führen uns die aktuellen öffentlichkeitswirksamen Schreckensmeldungen über SARS und Vogelgrippe deutlich vor Augen, die Geschichte der Seuchen. Unter dem Titel „Geißeln der Menschheit, Kulturgeschichte der Seuchen“ ist in den vergangenen Wochen die 2.Auflage des erstmals 1997 veröffentlichten Buches von Stefan Winkle erschienen. Der Titel dieses 1500 Seiten umfassenden Werkes ist mit Bedacht gewählt und zeigt an, dass es hier um mehr als nur die Darstellung fachlich, medizinischer Krankheitsbeschreibungen geht. Professor Stefan Winkle, emeritierter Ordinarius für Mikrobiologie und ehemaliger Direktor des Hygieneinstituts in Hamburg hat in diesem in der internationalen Literatur einzigartigen Werk eine Abhandlung über Medizingeschichte, Kulturgeschichte, Geistesgeschichte in einer derart umfassenden Form geschaffen, dass nicht nur der medizinisch vorgebildete Leser, sondern der interessierte Leser überhaupt von der Fülle des Stoffes eingenommen wird. Die Helden der hier beschriebenen Geschichte sind nicht Feldherren und Könige, sondern leidende Menschen schlechthin, häufig ohne Ansehen von Stand und Vermögen, aber ebenso oft gemeinsam nicht nur Opfer der in der Krankheit verkörperten Naturgewalt sondern auch Opfer von Dogma und Dünkel ihrer Zeit. Der Autor selbst verfällt niemals in die Überheblichkeit der „Nachgeborenen“. In einer atemberaubenden Kenntnis der jeweils zeitgenössischen Literatur werden prägnante Dokumente im Zusammenhang zitiert, wobei sich nicht selten erweist, dass der einfache Mensch sowie der denkende kritische Zeitgeist die Zusammenhänge oft mit unverstellterem Blick sah, als die bis ins 19. Jahrhundert hinein die in antiken Denkmustern verhafteten Fachkreise. Den Artikeln sind jeweils kurze Einführungen in den gegenwärtigen Kenntnisstand über die einzelnen Seuchen vorangestellt. Weiter gegliedert sind die Kapitel nach unterschiedliche Epochen der Geistes-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte: Altertum, Mittelalter, Neuzeit und Mikrobiologische Ära. Unübersehbar ist die Achtung des Autors vor den geistigen Leistungen der Aufklärungsepoche. Hier sind auch immer wieder Ausführungen über ein weiteres Spezialgebiet des Autors zu finden: das Leben und Wirken des Altonaer Armenarztes und späteren Leibarztes Christians VII von Dänemark Johann Friedrich Struensee (1737-1784). Leider ist das hochinteressante und lesenswerte Buch Winkles „ Johann Friedrich Struensee: Arzt -Aufklärer -Staatsmann, Fischer 1983) schon lange vergriffen. Eine Neuauflage wäre auch hier überaus wünschenswert.
Es ist einleuchtend, dass der Autor in der jetzt erschienenen Auflage der Kulturgeschichte der Seuchen weitere Kapitel zugefügt hat. Nachdem die moderne Wissenschaft den meisten Geißeln ihren Schrecken zumindest vorübergehend genommen hat, verbreiten einzelne Seuchenerreger unter dem gespenstischen Gewand von Bioterrorismus und biologischer Kriegsführung erneut Angst und Schrecken. Winkle erweist sich auch hinsichtlich des aktuellen Zeitgeschehens um und nach dem 11.September 2001 als scharfsichtiger Beobachter. Das Kapitel „Seuchen, biologische Kriegsführung und Bioterrorismus“ gewinnt hier zusätzlich durch Schilderungen besonderes Gewicht, die der Autor als Wissenschaftler am Robert-Koch Instituts in Berlin zu Zeiten des 2.Weltkieges anhand eigener Erfahrungen einbringt. Anhand detaillierter Schilderungen über die Produktion von Biowaffen in der ehemaligen Sowjetunion gibt Winkle Einblicke in diese unter höchster Geheimhaltung ablaufenden Aktivitäten während des kalten Krieges. Schockierend ist besonders das Aufzeigen des kühlen Zynismus, mit der hier von Seiten des Militärs Opferzahlen kalkuliert werden, die an Pestepidemien des Mittelalters erinnern, auf der anderen Seite die panische Angst der militärischen Führungen vor den unkalkulierbaren Folgen des Einsatzes biologischer Waffen für die eigenen Streitkräfte .
Ein weiteres Kapitel, das als wichtige Ergänzung zum Stoff der vorherigen Ausgabe anzusehen ist, beschreibt die Tanzwut. Unter Abgrenzungen hirnorganischen Ursachen bis hin zu pharmakologischen Wirkungen pflanzlicher Drogen stellt der Autor hier eine „ansteckende Seuche“ dar, die nicht durch einen Erreger übertragen wird sondern vielmehr unterschiedliche, kulturell beeinflusste Formen von Massenpsychosen widerspiegelt. Vom nach Heinrich Heine zitierten „Beten mit den Beinen“ der Antike bis zum legendären Tarantismus zeigt der Autor, dass Ideen, Gefühle und Erregungen übertragbar sein können wie Krankheitserreger.
Der allein über dreihundert Seiten umfassende Anmerkungsteil des Buches sollte den interessierten Leser nicht abschrecken. Vielmehr stellen diese Kommentare zum ohnedies facettenreichen Text immer noch eine zusätzliche interessante Ergänzung dar . Der Autor hat über mehr als 60 Jahre hinweg Material für dieses umfassende Werk gesammelt und verarbeitet. Das Resultat ist ein Buch, das nie belehrend, aber in immer bestechender Weise lehrreich und anregend ist. Jedem Mediziner ist die Lektüre dieses Buches unbedingt empfohlen. Darüber hinaus ist der „Kulturgeschichte der Seuchen“ aber über Fachkreise hinaus eine breite Leserschaft zu wünschen.