1997 hat der damalige EU-Parlamentarier Dr. Hans Kronberger mit "Blut für Öl" einen Bestseller gelandet, der seither einige Neuauflagen erlebt hat, die jüngste eine Neubearbeitung aus dem Jahr 2011. Dass es höchste Zeit für eine Energierevolution ist haben in den Jahren seither einige Katastrophen und primär um fossile Ressourcen geführte Kriege bezeugt. Doch wer den Status Quo nicht nur kritisieren sondern wirklich verändern will, der muss Alternativen und Konzepte aufzeigen. Das gelingt Hans Kronberger mit "Geht uns aus der Sonne", gewissermaßen einem Spin-off des Schlusskapitels der 2011er-Neuauflage von "Blut für Öl". Kronbergers Enthusiasmus liegt auch daran, dass er seit April 2008 als Präsident der Photovoltaic Austria an vorderster Front für eine "Novellierung des [österreichischen] Ökostromgesetzes in Anlehnung an das deutsche 'Erneuerbare Energien Gesetz' zur Entwicklung eines starken Heimmarktes" eintritt und an der Universität Salzburg als Lektor für Umweltpublizistik fungiert. "Geht uns aus der Sonne" ist Kronbergers Manifest und nach dem Augenöffner "Blut für Öl" eine konsequente Fortentwicklung und Ausformung der dort bereits angedeuteten Ideen (auch der im Vorwort der 2011er-Ausgabe von Hermann Scheer entwickelten Vision eines solaren Zeitalters).
Das "Warum?" hat Kronberger in seiner bereits erwähnten Weltgeschichte über den blutigen Kampf ums schwarze Gold eindrucksvoll beleuchtet, im vorliegenden Werk geht es ihm um das "Wofür?" und "Wie?" - Wofür eine solare Revolution und wie kann diese aussehen? Fukushima und die Ölpest im Golf von Mexiko eines gelehrt haben sollten uns eines gelehrt haben, der Preis für fossile Energie spiegelt bei weitem nicht jene Kosten wieder, die in der Folge tatsächlich auf uns zukommen. Der Reiz sich vom in oft instabilen Staatenumfeldern gelegenen Öl und Gas unabhängig zu machen liegt auch darin, dass man sich dadurch ein nicht zu unterschätzendes Maß an Unabhängigkeit zurückerobern kann. Solare Technologien sind demokratische Technologien, eine entsprechende Anlage kann im Prinzip jeder errichten und so sehr es den großen Energiekonzernen naturgemäß missfällt, ihre Monopolen geraten dadurch zwangsläufig ins Wanken. Und der Umstieg wird in Relation durch steigende Energiepreise auch zunehmend leistbarer, was fehlt ist und Kronberger deutlich moniert ist jedoch eine konsequente staatliche Förderung.
Auf das Schwarzbuch über den untrennbar mit Gewalt und Krieg verbundenen Aufstieg des Öls folgte ein Weißbuch zu den Chancen eines solaren Zeitalters (wie schon der Kontrast zwischen dem schwarzen Cover Blut für Öls und dem weißen von Geht uns der Sonne illustriert). Die beiden Werke sind thematisch und durch die Neubearbeitung 2011 sogar verbunden, der Geschichtsexkurs in "Geht uns aus der Sonne" fällt daher eher bescheiden aus, dafür gibt es ja ein eigenes Schwarzbuch und umgekehrt reisst "Blut für Öl" die Alternativen zum fossilen Zeitalter nur an. Als Leser beider Werke wage ich zu behaupten diese Trennung und Verknüpfung funktioniert sehr gut und wer sich für die geschichtlichen Hintergründe auf die Kronberger in seinem Weißbuch zur solaren Revolution interessiert dem sei das Schwarzbuch zum fossilen Energiezeitalter herzlich empfohlen und natürlich vice versa.
Wie wichtig die geschichtlichen Zusammenhänge sind lässt Kronberger erkennen wenn er überzeugend argumentiert dass spätestens beim Versiegen der Quellen fossiler Ressourcen und dem Eingeständnis, ob der Peak Oil bereits hinter uns liegt der politische Beschaffungsdruck unweigerlich vermehrt zu militärischer Gewalt führen wird. Die USA haben es in ihrem Irak-Krieg 2003 bereits vorgemacht und im gleichen Zug noch bewiesen dass diese Strategie angesichts des damit verbundenen Aufwandes und der Verluste nicht rentabel ist. Umdenken ist gefragt, denn in allen Lebensbereichen prägt uns die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, wodurch etwa Ölpreissteigerungen auch die Inflationsraten hochtreiben. Aber Öl, Gas und Co. werden vom Treibstoff für die Weltwirtschaft nicht nur allmählich zum Hemmschuh sondern sorgen auf ganz anderer Ebene für politische Konsequenzen, die natürlich nur sehr ungern mit dem unstillbaren Energiehunger der Industrienationen in Verbindung gebracht wird. Die arabische Revolution sollte etwa die EU-Außenpolitik vorgeführt haben, denn ungeniert betrieben Europas Spitzenpolitiker jahrelang aus energiepolitische Raison die Protektion und Hofierung arabischer Diktaturen und zerstörten ihre eigenen pathetisch hochgehaltenen Ideale. Selbst der Migrationsdruck ist nach Kronberger zu einem Gutteil auf die langfristigen Folgen westlicher Energiepolitik zurückzuführen, da diese ja mit allen Mitteln der Außenpolitik inklusive Waffenlieferung, Interventionen und Sanktionen umzusetzen versucht wurde.
Aus politischer Sicht interessant ist dass Kronberger seine vordergründig "grüne" Position mit allerlei "roten" Spitzen gegen die Macht der Energiekonzerne und den Einfluss deren Lobbys auf die Außenpolitik gespickt hat. Man merkt schnell dass Kronberger vor diesem Hintergrund nämlich nicht aus einer Parteiposition, expliziten Ideologie oder einer tendenziell elitären Position heraus argumentiert, sondern in einem bewusst verständlich und klar gehaltenen Stil die Vorzüge einer solaren Ära aufzeigt, wie sie (wenn auch nicht mit dem Versprechen dass dann mehr im Geldbörsel bleibt oder ähnliches) für jedermann erreichbar werden könnten. Der einstige ORF Redakteur formuliert seinen Standpunkt viel grundsätzlicher und damit zugänglicher, ihm liegt an einem fundamentalen Wandel von einem geozentrischen (auf fossilen Ressourcen fußenden) zu einem heliozentrischen Weltbild. Und die digitale Ära kann dazu als Übergangszeit dienen, denn durch das Vordringen des Internets in die entlegensten Winkel der Erde, sowie dessen dezentraler Natur wurde uns bereits ein Vorgeschmack auf jene Vision vermittelt, die Kronberger von einer heliozentrischen Energieära hat.
Photovoltaik ist für Kronberger zwar die Königsdisziplin der "Heliozentrik", doch als solare Energieträger summiert er auch Wasser, Luft und Biomasse. Schließlich wird Luft durch Sonnenwärme bewegt und Biomasse kann ohne Photosynthese nicht entstehen. Diese Aufzählung überrascht vielleicht ein wenig, vor allem kommt sie als Klarstellung ein bisschen zu spät im Buch vor, um Missverständnissen (dass Kronberger vermeintlich nur mit Photovoltaik argumentiert) vorzubeugen. Etwas kritisch, für ein Weißbuch aber eben vernachlässigbar, lässt sich der Fakt betrachten dass gerade auch die "solaren" Technologien in hohem Maße auf seltene Metalle und Rohstoffe angewiesen sind, die zwar nicht fossil, aber in ihren Abbaugebieten durchaus in ähnlichen Maße auf einige wenige Weltregionen und Länder verteilt sind, wo sie auch zum Streitpunkt blutiger Auseinandersetzungen werden können (wie Coltan im Kongo).
Zur Sinnlosigkeit Öl mit Gas zu ersetzen (wie es von einigen österreichischen Nahverkehrsunternehmen als großartiger Fortschritt angepriesen und sogar mit öffentlichen Mitteln großzügig gefördert wurde) verweist Kronberger darauf dass ein Peak Gas, bereits für das Jahr 2025 absehbar sein dürfte. Aber auch die nukleare Alternative besitzt als erschöpfbare Ressource einen katastrophalen Nachteil, zumal auch hier ein Preisanstieg zu verzeichnen sein wird, ohne überhaupt auf die langfristigen Kosten und Probleme einer End- oder Zwischenlagerung zu sprechen zu kommen. Kurzum, langfristig existiert zu solaren Energien keine Alternative, mittelfristig werden sie auch ihre Leistbarkeit beweisen können und schon heute sind sie bei einer vollen Betrachtung der Umwelt- und politischen "Kollateralschäden" die beste Option.
- Resümee -
Hans Kronberger argumentiert nicht mit Öko-Pathos, missionarischen Eifer oder einem Übermaß an Polemik, er setzt auf Fakten und Anreize, wobei man auch nicht mit Zahlen erschlagen wird, sondern einer grundsätzlichen Argumentation warum sich eine solare Revolution lohnt. Bemängeln lässt sich damit zusammenhängend nur dass es manchmal an einem Verweis auf praktisch bereits umgesetzte Projekte oder konkret umsetzbare Konzepte fehlt.