Früh von der Schule, nicht studiert, kein Startkapital und trotzdem Milliardär. Kein Wunder wird Richard Branson immer wieder gefragt, wie er zu seinem Virgin Reich gekommen ist. Wer erwartet, nach den 254 Seiten das Rezept gefunden zu haben, wird wohl enttäuscht sein. Denn es gibt keines. Zumindest keins, das sich einfach so kopieren lässt. Seine Eltern und das Umfeld seiner Kindheit kann sich zum Beispiel niemand aussuchen. Und wenn ich die vielen Anekdoten über Bransons Mutter lese, so bestätigt dies einmal mehr, wir prägend frühe Erlebnisse sind. "Geht nicht, gibt's nicht" sagen viele. Aber nur wer einen solchen Satz seinen Kindern jeden Tag vorlebt, hinterlässt bleibende Spuren.
Ein so kundenorientierter Unternehmer wie Richard Branson weiß natürlich, dass sich Leser seines Buches nicht mit der Aussage zufrieden geben, es gäbe keine Rezepte für den Erfolg. Und auch die vielen Verweise auf das Glück möchte man nicht immer hören. Also lässt sich Branson doch dazu bewegen, sein zehn Toptipps zu wiederholen, die er Studierenden einer Business School vortrug. Sie lauten: Die Grossen herausfordern - Immer locker bleiben - Feilschen, was das Zeug hält: Alles ist verhandelbar - Arbeit muss Spaß machen - Pfleglich mit der Marke umgehen - Bitte lächeln! - Lieber Leitwolf als Leithammel sein - Blitzschnell handeln - Klein, aber fein - Ein normaler Mensch bleiben.
Und nun? Brachte das die Studierenden weiter? Wohl kaum. Aber wenn ein Milliardär solche Tipps gibt, kann er zumindest diejenigen in ihrem Verhalten bestärken, die bereits ähnlich denken. Und das ist schließlich nicht wenig. Denn Bransons Biographie passt nicht unbedingt zu den heutigen Ausbildungsplänen an so genannten Kaderschmieden. Und mit seinen zehn Erfolgstipps wird kein Student die Prüfungsaufgaben lösen können. Nur, so schön Diplome auch sind, über die Persönlichkeitseigenschaften ihrer Besitzer sagen sie herzlich wenig aus. Richard Branson ist kein Bildungsgegner. Im Gegenteil, unterstützt er doch in Afrika zahlreiche Schulprojekte. Aber er kann es nicht besonders gut mit Leuten, die im Elfenbeinturm oder stillen Kämmerlein sitzen, gerne im Konjunktiv, über Liebe und Herzensbildung reden, aber keine Taten vorweisen können. Branson glaubt an Helden und Helfer und setzt auf Klartext statt auf psychologisches Gelabber. Und wenn er es schließlich mit seiner Art geschafft hat, ein riesiges Unternehmen aufzubauen, gibt er viel von seinem verdienten Geld denen, die im Leben weniger Glück hatten als er. Wohl wissend, dass dies Schreibtischtäter als billigen Marketingtrick abqualifizieren und die Welt weiterhin mit ihren Belehrungen langweilen, was Menschen tun sollten. Als kurz nach dem Börsengang von Virgin der große Crash kam und Branson an all die kleinen Aktionäre dachte, die ihm das Vertrauen schenkten, trieb er 182 Millionen Pfund auf und kaufte alle Aktien wieder zum Ausgabepreis zurück. Nicht weil das so in den Lehrbüchern stehen würde, sondern weil er seine persönlichen Helden und sich selber nicht verraten wollte.
Die Familie, seine Freunde und seine Erfahrungen haben Richard Branson geprägt. Also ist es nur logisch, dass in diesem Buch vorwiegend von persönlichen Erlebnissen die Rede ist. Aber da der exzentrische Engländer als Fünfzehnjähriger mit dem Geldverdienen begann, mit seinen Abenteuern zu Wasser und in der Luft immer wieder sein Leben riskierte und seinen Freundeskreis nicht nach akademischen Titeln auswählte, ist sein Buch spannender als die meisten Promiselbstdarstellungen.
Mein Fazit: Weder ein Rezeptbuch für Erfolgshungrige, noch eine chronologisch geordnete Biographie. Richard Branson erzählt einfach aus seinem Leben, von seinen Geschäftstätigkeiten, von seinen Vorbildern und Glaubenssätzen. Ich fühle mich durch solche Bücher darin bestärkt, weiterhin dem Verhalten von Menschen mehr Beachtung zu schenken als dem, was jemand sagt. Bransons Buch ist weder konzeptionell, noch sprachlich ein Wurf. Aber seine Botschaft verdient locker fünf Sterne.