Wenn sich die Systemtheorie weniger durchsetzt, als sie es von ihrer Bedeutung verdient hätte, so liegt dies auch daran, dass sich viele Systemtheoretiker so kompliziert ausdrücken und ihre Leser überfordern. Dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt, muss nicht dazu führen, alles mit allem zu verbinden. Gerade in einem Buch, das sich an Lehrende richtet, fände ich es wichtig, Neugierige und Skeptische erst für die Sache der Systemtheorie zu gewinnen, bevor man sie in den Dschungel der Details führt. Und wenn Christa Hubrig gleich im ersten Satz ihrer Einführung auf die rasante Entwicklung der Hirnforschung hinweist, könnte man erwarten, sie würde die wesentlichen Erkenntnisse auch gleich anwenden. Aber das ist leider nur sehr bedingt der Fall. Wer mit dem Fachvokabular wenig vertraut ist oder bereits eines der populärwissenschaftlichen Werke über Gehirn und Systemtheorie gelesen hat, braucht eine gehörige Portion intrinsischer Motivation, um nach der dreiseitigen Einführung die restlichen 300 Seiten in Angriff zu nehmen. Zumal es nicht nur an der Häufigkeit verwendeter Fachbegriffe liegt, warum die Lektüre eher beschwerlich ist. Christa Hubrig hat zwar einen beeindruckenden Bildungsrucksack, kann ihn aber offenbar nur schwer ablegen, wenn sie sich ans Schreiben macht. Das ist umso erstaunlicher, wenn man ihr Curriculum liest. Sie unterrichtete drei Jahrzehnte Deutsch, Geschichte und Sozialwissenschaft, ist als Diplompsychologin in Gesprächstherapie, systemischer Therapie, Supervision und Hypnotherapie ausgebildet und weiß auch, wie das NLP-Modell funktioniert. Und wenn ich lese, dass sie über 400 Lehrerinnen und Lehrer in systemischen Konzepten weiterbildete, verstehe ich noch weniger, warum sie es den Lesern dieses Buches nicht einfacher macht. Kurz: Meine wenig enthusiastische Bewertung verantwortet die Form, nicht der Inhalt.
Wen es nicht weiter stört, dass er kein Buch in den Händen hält, das Wissensvermittlung mit Lesegenuss verbindet, wird meine Bewertung kaum teilen. Denn Christa Hubrig geht so ziemlich auf alles ein, was bei diesem Thema von Interesse sein könnte. Sie beginnt mit einer Bestandesaufnahme des Schulsystems, wie es sich nach PISA präsentiert. Danach erläutert sie den systemischen Ansatz und die Ziele ihres Buches. Im zweiten Teil, "Motivation und Lernen - Unterschiedliche Zugänge und ihr Nutzen für das pädagogische Handeln", erläutert die Autorin in zwölf Kapiteln, wie sich Systemtheorien in die Schule einbauen lassen, mit welchen Dynamiken zu rechnen ist, was Motivation und Lernen aus neurobiologischer Sicht bedeutet, wie das autobiografische Gedächtnis funktioniert, wie wir zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen, wann Menschen ihre Absichten umsetzen, warum wir auf Sprachliches nicht verzichten können und welche Beziehungen eine persönliche Entwicklung fördern. Der dritte Teil, "Systemisches Denken und Handeln entwickeln", bietet den Lesern am meisten konkrete Ratschläge. Aber selbst in diesem Anwendungsteil hatte ich immer wieder das Gefühl, dass weniger mehr gewesen wäre.
Mein Fazit: Obwohl das Thema interessant ist und grosse Beachtung verdient, würde ich dieses Buch nur Lesern empfehlen, die schwierige Texte gewohnt sind und sich nicht daran stören, wenn die Autorin von allzu vielen Dingen und Erkenntnissen berichtet, die vom Wesentlichen wegführen. Gut möglich, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Christa Hubrigs Weiterbildungen ihr Buch ganz anders lesen als ich. Mir war es zu kompliziert und zu ausschweifend.