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Jedes individuelle Erleben mit gewisser Relevanz in der emotionalen Bewertung führt im Rahmen der individuellen Konstitution zu Lernprozessen, Veränderung von Synapsenstärken, "Konnektivität", neurophysiologischen Stoffwechselveränderungen und neuroanatomischen Strukturveränderungen von Dauer. Geistige Prozesse werden fortlaufend im Gehirn aber auch im peripheren Nervensystem und im ganzen Körper „materialisiert“ in Form von Konnektivität, Sensibilitätssteigerung und Reaktionsverstärkung bzw. -Abschwächung.
Wir verändern uns laufend dank dieser plastischen Eigenschaften unseres Gehirns und zwar lebenslang. Diese Prozesse können mit modernen bildgebenden Verfahren z.T. sogar sichtbar und meßbar gemacht werden.
Themen wie Stressachse, autonomes Nervensystem, Stammhirnfunktionen, frontalocorticale Steuerung, limbisches System, neuerogene und hormonelle Vernetzung, Gedächtnis, Lernen und Verlernen, Emotionen, Repräsentationen, Schmerzerleben, sprachlicher und bildhafter Zugang und Unterbewußtsein, Verdrängung sowie deren Auswirkungen auf Organfunktionen werden umfassend dargestellt.
Die Mechanismen des „Einbrennens“ und des Verlernens, der Konditionierung und Umkonditionierung werden eindringlich geschildert.
Zentrale Einflüsse auf komplexe Regelkreise, Organsysteme und Immunologie - auch immer in Hinblick auf Konstitutionsfaktoren – finden sich in der Darstellung ebenso wie deren Rückkopplungsmechanismen auf zentrale Funktionen und Engramme. Störungen der Organfunktion beeinflussen die „Psyche“ und Wahrnehmung ebenso wie Psyche und Erleben die Organfunktion beeinflußt (psychosomatisch-somatopsychisch).
Innere Bilder, Vorstellungen, Imaginationen und Fiktionen können für uns Individuen so real wie echte Wahrnehmungen sein, werden sie doch von den gleichen neurologischen Strukturen erzeugt. Imaginationen und Fiktionen werden zu Erinnerungen mit dem selben Realitätswert wie tatsächliche Wahrnehmungen und Erlebnisse, werden doch in all diesen Fällen die selben neurophysiologischen Stoffwechselveränderungen und die selben neurohistologischen Strukturveränderungen meß- und sichtbar.
Die Macht des gesprochenen Wortes - ein Privileg des Menschen - wird ebenso klar wie die Macht der inneren Kommunikation, der Selbstgespräche und inneren Handlungsanleitung. Beides verändert „Synapsenstärken“, führt zu Lernen und dauerhaften „materiellen Engrammen“.
Autosuggestion aber auch Fremdsuggestion können sich im Gedächtnis so einbrennen, daß Löschung ein schwieriges Unterfangen wird. Glaube, subjektive Bewertung und Hoffnung bzw. Hoffnungslosigkeit kann Berge versetzen aber auch Leiden beschwören.
„Placebo-Wirkungen“ werden in diesem Konnex verständlich.
Viele Leiden beziehen ihre Ursache und/oder ihre Dynamik aus tiefliegenden, unbewussten oder vorbewussten „psychogenen“ Prozessen und „Gedächtnis-Engrammen“. Der häufige Umkehrschluß, daß jegliches Leiden, das ohne jeden Zweifel von dieser machtvollen psychogenen Dynamik mitbestimmt wird, auch die Ursache seiner Entsehung in der Psyche, in der Kindheit, in gestörten Bindungsmustern ect. haben muß, wird gerade auch im Kapitel über Schmerzen und am Beispiel von Krebs und Psyche kritisch hinterfragt.
Ebenso wird die alte Erbe-Umwelt-Dichotomie aufgehoben. Bei aller Plastizität des menschlichen Gehirns und bei aller Bedeutung von sozialer Umwelt- und Milieufaktoren wird immer wieder die Bedeutung der Genetik, der Genexpression und die Erblichkeit diverser Veranlagungen, Konstitutions- Vulnerabilitäts- und Resilienzfaktoren angesprochen. Wir Menschen sind biologische Geschöpfe der Evolution, gehorchen somit selbstverständlich uralten evolutionär stabilen Strategien, besitzen darüber hinaus jedoch wenigstens die theoretischen Möglichkeiten, die uns unser plastisches Gehirn eröffnet: Nämlich fast alles zu erlernen, zu verlernen, unsere Erfahrungen z.T. selbst zu gestalten und unsere Umwelt nahezu beliebig zu manipulieren - und sei es nur im „Geiste“.
In der Konsequenz öffnet sich dem Leser der Blick auf die Potenz der sprechenden, psychotherapeutischen aber auch der medikamentösen Behandlungsverfahren. Zugleich beginnt dieser Leser auch zu ahnen, wie viel Missbrauchspotential und unerwünschte Nebenwirkungen neben allem Segen diese mächtigen Instrumente bei fahrlässiger oder missbräuchlicher Anwendung beinhalten. Psychotherapie und Psychopharmakologie müssen demzufolge sowohl methodisch als auch personell einer strengen Qualitätskontrolle unterstehen. Sie gehören keinesfalls in die Hand von Ideologen egal welcher Sorte.
Dialog der Disziplinen, Abbau von Voreingenommenheiten und die Mahnung zu Weitblick, Umsicht und Verantwortung, die dieses Buch beschreibt und vorantreibt, sind nicht nur erfreulich sondern unabdingbar zum Wohle des Patienten aber auch zum Nutzen der Fachdisziplinen.
Ein großartiges Plädoyer für eine moderne „Geist-Körper-Medizin“, für ganzheitliche, wahrhaft „humane“ Sichtweisen und für praktikable, multimodale Ansätze, die sich am subjektiven Leiden des Patienten orientieren.
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