Folgt man öffentlichen Diskussionen und Stammtischgesprächen, so könnte man meinen, es bräuchte gar kein Buch über Gehirn und Geschlecht. "Jeder weiß schon Bescheid, also fehlt Information" sagt dazu lapidar Stefan Lautenbacher. Er machte sich auf und trug gemeinsam mit Onur Güntürkün und Markus Hausmann gefühlte 1.500 Fachartikel zusammen und extrahierte, in guter wissenschaftlicher Tradition, emotionslos Fakten, Fakten und Fakten. Bei einigen Gehirnstrukturen und -funktionen zeigen die Daten Unterschiede zwischen Frauen und Männern, Mädchen und Jungen; bei anderen keine. Die Fakten deuten darauf hin, dass Frauen und Männer in mancher Hinsicht unterschiedliche Gehirnstrukturen und geistige Verarbeitungsprozesse entwickeln. Sowohl biologische wie psychosoziale Faktoren spielen dabei eine Rolle. Diese Unterschiede sind aber nicht nur von akademischem Interesse. Um beispielsweise Therapiemaßnahmen auf Patienten individuell abstimmen zu können ist es unabdingbar, beide Aspekte einzubeziehen. Wer sich die Faktenlage ansieht, wird möglicherweise dem Rat Albert Einsteins folgen und seine Lieblingstheorie morgens beim Frühstück über den Haufen werfen. Gehirnjogging tut gut; dies gilt dann doch für das weibliche und das männliche Gehirn gleichermaßen.
*Strukturen, Funktionen, Erkrankungen*
Die Begriffsdefinitionen am Anfang machen deutlich, wie leicht Begriffsunklarheit zu dazu führen kann, total aneinander vorbeizureden. "Geschlecht" ist biologisch definiert, es basiert auf dem Chromosomensatz XX oder XY. "Gender", eine soziokulturelle Definition, wird vor allem in englischsprachigen Ländern und in der wissenschaftlichen Literatur benützt, wenn soziokulturelle Lebensaspekte von Individuen einbezogen werden.
Drei große Themenbereiche, nämlich Struktur des Gehirns, psychische Funktionen und Erkrankungen des Zentralnervensystems behandeln die Frage, worin sich die Geschlechter unterscheiden - und worin nicht. Am Ausgangspunkt stehen die unterschiedlichen Wirkungen von X- und Y-Genen, welche die Geschlechtsunterschiede hervorrufen. Sie bestimmen die Art der Geschlechtsdrüsen und die Ausschüttung der Sexualhormone. Die Hormone wirken auf das Gehirn ein, auch auf seine Struktur. Neuroanatomische Geschlechtsunterschiede finden sich im Neokortex, in subkortikalen Regionen und in der Organisation des Gehirns. Besonders deutlich ist die unterschiedliche Asymmetrie von Verarbeitungsprozessen, also, ob die Informationen vorwiegend links- oder rechtsseitig verarbeitet werden. Dass verschiedene Verarbeitungsprozesse auch mal zu gleichen Endergebnissen führen können, ändert nichts an der Tatsache, dass männliche und weibliche Gehirne in Teilen verschieden strukturiert sind. Manchmal zeigt sich die Verschiedenheit erst, wenn etwas passiert. Eine Hirnläsion in der linken Hemisphäre führt bei Männern zu stärkeren sprachlichen Defiziten als bei Frauen (da bei Männern die Lateralisierung stärker ausgeprägt ist). Die Gehirnstrukturen und Verarbeitungsprozesse haben Auswirkungen auf die geistigen Leistungen. Der zweite Teil behandelt deshalb kognitive Funktionen, Riechen, Schmerzempfinden und Schlaf und Traum. In wie weit Geschlechtsunterschiede belegbar sind bei psychischen Störungen, darunter Depression, Essstörung, Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, Schizophrenie und Multiple Sklerose, erörtert der dritte Teil.
*Die Resultate sind ergebnisoffen zusammengetragen und kommentiert*
Die Zusammenfassungen sind ergebnisoffen in dem Sinn, dass sowohl biomedizinische wie psychosoziale Ergebnisse Eingang gefunden haben; kurz, eben das präsentiert wird, was die Faktenlage hergibt. Das Buch ist nicht nur für Neurowissenschaftler, Psychiater, Neurologen und Psychologen geschrieben, sondern ausdrücklich auch für den interessierten Laien. Nun handelt es sich hier sicherlich um ein Fachbuch und nicht um ein populares Sachbuch. Aber die Autoren haben es so gestaltet, dass der Inhalt auch für den interessierten Laien erfassbar ist: Jedes Kapitel ist mit einem einleitenden Vorspann versehen und mit einem Fazit; beides ist durchgängig sehr verständlich geschrieben. Die Quintessenz eines jeden Kapitels ist damit auch für den interessierten Laien mühelos nachvollziehbar. Dieser Kunstgriff dürfte auch von Fachleuten, die nicht in dem jeweiligen Gebiet heimisch sind, und von Studenten, mit klammheimlicher Dankbarkeit gerne angenommen werden. Fazit: Sehr empfehlenswert für jeden, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen möchte!