"Menschliches Genom entschlüsselt!"
Diese Meldung schlug im Jahr 2000 ein wie eine Bombe. Die Berichterstattung beherrschte ein ganzes Jahr lang die Medien. Man sprach vom "Buch des Lebens", dessen "Sprache" man nun verstehen würde. Doch wie bei jeder Analogie, muss auch hier die Frage nach ihrer Tragfähigkeit gestellt werden.
Auf der untersten, der semiotischen Ebene, ist die "Sprache" klar. Das genetische Programm sämtlicher Lebewesen kommuniziert mit vier molekularen Bausteinen, den Nukleotiden, die das Grundgerüst der Chromosomen bilden. Doch welcher Status kommt der nächsthöheren organisatorischen Einheit, dem Gen, zu? Ist dieses wirklich nur ein autonomer egoistischer "Einzelgänger" oder interagiert es vielleicht auf "internationaler Ebene"? Reagiert es gar auf ökologische, ja kulturelle Ereignisse?
Unbestritten ist es Charles Darwins großes Verdienst, die biologische Evolution vor 150 Jahren geboren zu haben. Er bot der Menschheit ein Weltbild von einzigartiger Tiefe und Schlüssigkeit an, das sich mit der Revolution der Molekulargenetik Mitte des vorigen Jahrhunderts manifestierte. Doch der totalitäre Anspruch dieser Theorie des "descent with modification" steht auf wackligen Beinen. Wieser ist der Überzeugung, dass zum Verständnis der biologischen Evolution noch einiges mehr gehört "als die dürren Worte, mit denen Charles Darwin seine Theorie charakterisiert hatte". Ebenso von Bedeutung sind für ihn, die Mechanismen und Strategien des evolutionären Prozesses sichtbar zu machen, "denn erst diese vermögen den abstrakten Rahmen mit konkretem Leben zu erfüllen.", stellt der Autor fest.
Wieser führt dem Leser in seinem übersichtlich gegliederten, fundierten und weitgespreizten Sachbuch die entwicklungsbiologischen Entdeckungen des letzten Jahrhunderts vor Augen und zeigt auf, "wie ein sich selbst organisierendes dynamisches System imstande ist, so widersprüchliche Forderungen wie Stabilität und Variabilität, Konkurrenz und Kooperation, Autonomie und Anpassung, Egoismus und Altruismus mehr oder minder aufeinander abzustimmen oder die 'Pflicht' zu Nachhaltigkeit mit dem 'Wunsch' nach Innovation scheinbar problemlos auf denselben Nenner zu bringen."
Ein großes Kapitel widmet er - der Titel verrät es - dem Gehirn. Zeichnet sich jenes gerade dadurch aus, dass es vor allem der Spezies Mensch ermöglicht, sich von ihren genetischen Abhängigkeiten Schritt um Schritt zu emanzipieren, Autonomie zu gewinnen und eine eigenständige Evolution in Gang zu setzen - die "kulturelle Evolution".
Keine andere Art hat sich so schnell entwickelt wie homo sapiens. Hier kann es einfach nicht mehr alleinig an den Genen und dem durch Charles Darwin geprägten Motto "survival of the fittest" liegen. Als Beispiel bringt Wieser u. a. Probanden, die blind geboren wurden oder Kinder, die völlig sprachisoliert aufwuchsen. Als Erwachsene können sie im ersten Fall nach geglückter Operation weder Sehen noch wie im zweiten Fall sprechen lernen.
Gene entscheiden zwar, wie die Vorgaben des Genoms umgesetzt werden, doch wenn diese Möglichkeiten nicht aktiv genutzt werden, verkümmern sie.
Wieser meint, es sei daher an der Zeit, ein "neues Drehbuch der Evolution" zu schreiben, das beiden "Hauptakteuren" gerecht wird: dem Genom als "genotypischem" und dem Gehirn als "phänotypischem" Steuerorgan. Fungiert das Genom auf der einen Seite als Stabilisator von Bauplänen und langfristig wirksamen Anpassungen, agiert auf der anderen das Gehirn als "Dirigent" der jeweils aktuellen Vorgänge im inneren und äußeren Milieu des Individuums sowie als Motor seiner Kreativität. Ein Zusammenspiel - entweder einander unterstützend oder in Opposition zueinander - steht außer Frage. Immerhin stehen 25.000 menschlichen Genen 100 Milliarden Nervenzellen, die untereinander außerdem noch Billionen Verbindungen eingehen, gegenüber - eine nicht unerhebliche Zahl.
In insgesamt acht Kapiteln zeigt Wieser spannende und interessante Ansätze auf und setzt sich mit dem Einfluss der kulturellen Entwicklung auf die Evolution des Menschen auseinander. Eine Lösung des großen Zusammenschlusses aus Darwinismus, Zellforschung, Genetik, Neurologie und Biochemie kann Wieser jedoch auch nicht bieten. Er wirft letztendlich mehr Fragen auf, als man Antworten zu finden hofft. Trotz alledem ist sein Buch eine wahre Fundgrube aus neuerem biologischem Wissen und vielen interessanten Details, die eine Vorstellung davon geben, wie komplex die Wechselwirkungen und Entwicklungen in der Biologie sind. Als Leser meint man mitunter durch die Vielzahl der betretenen Randgebiete, sich im Dschungel der Komplexität zu verirren. Hier wäre ein durchgängiger, lenkender "roter Faden", der alle Kapitel zusammenhält, von Vorteil gewesen. Auch erschweren die exzessiv eingestreuten Fachtermini einem Nichtbiologen die Lesbarkeit enorm. Doch eine individuelle Auseinandersetzung mit der behandelten Thematik lohnt allemal und ist für jeden Interessierten zu empfehlen.