Der amerikanische Entwicklungspsychologe John J. Medina verspricht 12 einfache Regeln für den Erfolg am Arbeitsplatz, in der Schule und zu Hause, die man unbedingt kennen sollte. Sein Versprechen ist allerdings leicht einzuhalten, weil diese Regeln ja bereits bekannt sind. Oder meint er tatsächlich, die Leser wüssten nicht, dass Bewegung den Geist stärkt, das Gehirn ein Produkt der Evolution ist, jedes Gehirn anders verdrahtet ist, Langeweile der Feind der Aufmerksamkeit ist, Wiederholung das Gedächtnis stärkt und Wiederholen daher so wichtig ist? Auch dass genügend Schlaf dem Denken gut und zu viel Stress weniger gut tut, ist nicht wirklich überraschend. Bleiben noch die Regeln, dass alle unsere Sinne angeregt werden wollen, das Sehen alle anderen Sinne übertrifft, der Mensch als Forscher zur Welt kommt und das Gehirn geschlechterspezifisch ist.
Wenn aber alle diese Regeln bereits von anderen Autoren für Erfolgsrezepturen verwendet werden, stellt sich natürlich die Frage, warum der Erfolg trotzdem ausbleiben kann. Diese Antwort bleibt John Medina seine Lesern auch deshalb schuldig, weil er auf die wichtigste Regel der modernen Hirnforschung nur am Rande eingeht. Und die lautet: Menschliches Verhalten wird zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert. John Medina vermittelt zwar viel Wissen, geht weicht aber den Knackpunkten geschickt aus. Wenn die Gehirne schon geschlechterspezifische Eigenschaften haben, dann nützt mir dieses Wissen herzlich wenig, wenn es mein Verhalten nicht beeinflusst. Kommt hinzu, dass dieses Kapitel ohnehin das schwächste ist und wissenschaftlich auf schwachen Füssen steht. Dasselbe gilt für Medinas Beschreibung vom Aufbau des menschlichen Gehirns. Weiß der Leser, dass er unter anderem auch ein Reptilienhirn hat, kennt er zwar einen veralteten Begriff, kann aber damit konkret wenig anfangen.
Was John Medina seinen Lesern in oft unterhaltsamer Weise und bildhafter Sprache erzählt, ist weder Unsinn noch falsch. Und da Wiederholung tatsächlich so wichtig ist, wie der Autor betont, kann es kaum schaden, nützliche Regeln nochmals zu hören. Aber zum Thema "Hirnforschung und Lernen" gibt es bessere Bücher als das von Medina. Auch solche, die detaillierter auf die Bedeutung der Spiegelneuronen eingehen und den Versuch machen, die Zeichensprachen des Unbewussten zu entschlüsseln.
Mein Fazit: Wäre dieses Buch vor zehn Jahren erschienen, sähe meine Bewertung anders aus. Denn damals wurden solche Regeln nur selten oder gar nicht mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen begründet. Aber nachdem dies schon mehrmals und bestimmt nicht schlechter geleistet wurde, müsste John Medina sich vermehrt mit der Frage beschäftigen, wie all dieses Wissen handlungswirksam wird.