Meisterregisseur Fritz Lang hatte schon 1936 einen Regieeinfall, der morgen wieder höchst aktuell sein wird: Der "Spiegel" entwirft für sein Wahl-Sonderheft drei Titelblätter, die "Lindenstraße" wird in drei Versionen gedreht, und je nachdem, wie die Wahl ausgeht, wird ausgewählt. Zurück ins Jahr 1936 und zu dem Film "Gehetzt", einer seltsamen wie faszinierenden Mischung aus Sozialdrama, Film-noir-Vorwegnahme (auch ästhetisch) und Schicksalsdrama à la Douglas Sirk: Durch ein paar absurde Zufälle ist ein Unschuldiger (Henry Fonda) auf der Flucht mit seiner Liebsten (Sylvia Sidney), zuvor wird ihm ein Prozess gemacht, von dem wir gleich ahnen, dass er da nicht freigesprochen wird. Doch gerade, als sich die Schlingen der Angst schon bedrohlich um seinen Hals gelegt haben, ein überraschender Schnitt und Auftakt zu einer der besten und lang-typischsten Szenen in seinem Werk: Wir sehen ein Zeitungsfoto eines lächelnden Fonda und die Schlagzeile, der Mann sei unschuldig. Hä?!? Ungläubiges Staunen, scheinbar abrupte Wendung. Doch die Kamera geht zurück, wir befinden uns in einer Zeitungsredaktion, es hängen dort noch zwei weitere erste Seiten: "Verhandlung vertagt" und "schuldig"; das Lächeln Fondas nimmt von Mal zu Mal ab... Der Redakteur bekommt einen Anruf, man hört den Gesprächsinhalt nicht, doch als sein Assistent reinkommt, zeigt der Redakteur auf die Variante, in der Fonda schuldig gesprochen wird.
Schon wegen dieser Einzelszene muss man den Film lieben, das ist eine wunderbare indirekte Erzählweise, fast mit Stummfilmmitteln wird über den Prozess und seinen Ausgang berichtet, und gemeinerweise weckt Lang durch den Szenenwechsel noch eine falsche Hoffnung, die aber zu schön ist, um wahr zu sein. In dieser Szene steckt die Essenz von Langs Erzählkunst. Und eine Mischung vom Genauen und Visionären. Lang machte erst seinen zweiten US-Film, war aber von einer brennenden Neugier an der US-Massenkultur, interessierte sich immer besonders für die Arbeit der Presse und gerne auch der Sensationspresse. Es ist bekannt, dass er akribisch recherchierte und in das Land eintauchte, das er noch nicht besonders lange kannte. Das ist eine so wunderbare Lang-Szene, die zeigt, wie dieser Mann gearbeitet hat, und wie die Presse ja auch wirklich arbeitet. Das Ganze dann noch dramaturgisch geschickt eingebaut, was will man mehr? Hier ist dieser Regisseur absolut unverwechselbar, man sollte gerade sie heraussuchen, wenn man zB. Filmstudenten zeigen will, was die persönliche Handschrift eines Regisseurs ist. Lang hatte schon 1935 Wochenschauen in Gerichtsverhandlungen gezeigt (damals als unglaubwürdig empfunden, heute Standard), und 1936 brachte er dann einen Insiderblick in Pressearbeit, der - siehe oben - heute usus geworden ist. Das ist genial!
Und der Rest? Wie gesagt, ein Film noir, vielleicht das früheste Exemplar seiner Gattung, mit einem unschuldigen Pärchen gegen den Rest der Welt, gegen eine fast schon maschinell und deshalb gnadenlos funktionierende Polizeiapparatur, schicksalhafte Zufälle, absurde Tragik, düster ist das alles, und man vermutet, dass unser Pärchen nicht den Hauch einer Chance haben wird (ob das stimmt, verrate ich aber nicht). Durch eher unwahrscheinliche Zufälle zeigt Lang, wie eine fatale Kettenreaktion ausgelöst werden kann. Wer ein Höchstmaß an Realismus will, ist hier falsch, wer aber einen "Realismus zweiter Ordnung" mag, in dem gezeigt wird, wie ein Körnchen Sand im Getriebe eine katastrophale Kettenreaktion unbarmherzig und fatal auslösen kann, der ist hier richtig. Das Ganze ist auch noch spannend, temporeich und optisch interessant mit diesen ganzen Gittern, Schatten, Hell-Dunkel-Kontrasten, die den schicksalhaften absurden Fatalismus noch unterstreichen, wie es das ansonsten erst im Film noir der 40er gab. Ein guter, ein wichtiger, ein epochemachender Film von Fritz Lang. Leider mit ein paar Punktabzügen am Rande. Henry Fonda als der Aufrechte gegen den Rest der Welt ist ein bißchen zu aufrecht und spielt es auch so. Obwohl er sich auch zu zweifelhaften Handlungen hinreißen lässt, hat mir in seinem Spiel ein bißchen die Doppelbödigkeit gefehlt, die eine solche Rolle braucht. Vielleicht war er da auch noch etwas zu jung und musste erst noch darstellerisch reifen und dieses kantige Gesicht bekommen, das seine späteren Rollen so sehr auszeichnete und nicht nur die Furchen in seinem Gesicht, sondern auch die Nuancen in seinem Spiel schärfte. Sylvia Sidney, das soziale Gewissen der 30 er, ist schlicht "nett", nicht groß (dann soll sie schon lieber mit schlechtem Musikgeschmack die Welt retten, so wie 60 Jahre später in "Mars Attacks!"). Die erste Viertelstunde ist vor gefühlsduseligem Kitsch schwer zu ertragen: Wie anhand einer Parabel von Fröschen, bei denen der eine ohne den anderen sterben würde, diese symbiotische Liebe unseres Pärchens beschworen wird, das hatte für mich einen unangenehmen Beigeschmack: Wohlgemerkt, auch eine scheinbar banale Liebe finde ich mitunter wunderschön, aber hier steckt Lang vielleicht noch in der deutschen Trivialitätsfalle und möchte aus ihr heraus das Banale durch eine nicht minder banale Parabel überhöhen, die dadurch aber ihre Banalität schrecklich offenlegt. Wie Lang 1953 in "Heißes Eisen", für mich einem seiner besten Filme, völlig ohne solchen Schnickschnack die unglamouröse eheliche Liebe zwischen einem Polizisten und seiner Frau anhand von Alltagsdingen zeigt, hat mir wesentlich besser gefallen (andere finden wiederum diese Szene schrecklich). Nun denn, nach ca. 15. Minuten ist aber kein Platz mehr für Frosch-Quark, da geht's zur Sache, da kommt diese schicksalhafte Reise in die Schwärze der Nacht und des ganz normalen Amerika, wie ich sie im ersten Teil meiner Rezension beschrieben habe. Da gibt es dann doch soviel Gutes, dass vergurkte 15 Minuten am Anfang, zumal das sehr subjektiv ist, nicht für den Abzug eines Sternes reichen.