Am 14.11.11 kam die Meldung über Degenhardts Tod durch die Presse. Diese Liedersammlung ist ein Vermächtnis, ein klug ausgewähltes Vermächtnis. Mein Lieblingslied 'Die Ballade von den Weißwäschern' ist nicht dabei, aber ich gebe gerne zu, dass Degenhardt lyrisch zu besserem fähig war. Der Inhalt der Ballade jedoch ist der Lauf eines Lebens in nutzloser Produktion von Verkäuflichem für das wiederum ein Leben lang als Gratifikation nichts weiteres als Eigentum bezahlt wird, zu bekommen ist, selbst Frau und Kinder sind lediglich Eigentum. Ein brandaktuelles Thema in der Verbetriebswirtschaftlichung der Welt und der Verdinglichung der Produzenten in der instrumentellen Vernunft, die herrscht.
Ansonsten sind die Nachrufe zu Degenhardt erstaunlich, ich stelle fest: die überwiegende Zahl neoliberaler Journalisten hat den Inhalt der 'Schmuddelkinder' nicht mehr verstehen können. Ist Degenhardt und seine Bildsprache aus amerikanischem Proletenjournalismus und vielen Facetten europäischer Lyrik, zu etwas anderem verschmolzen, unverständlich? Ist sein Anliegen, seine Kritik nicht mehr begreiflich? Können ihn demnächst, wie die Lyrik des Barock, nur noch Historiker verstehen? Nein, seine Bilder für Hass, Leid, Alltag, Freuden und Freundschaft werden unvergänglich sein wie Märchen, ohne Märchen zu sein. In der Spaßgesellschaft und der virtuellen Welt gibt es keinen Begriff für die Zurichtung, die Zumutungen, denen einer ausgesetzt ist, der 'etwas werden muss'. Kaufen, Verkaufen, Konsumieren, Feiern ist der Lebenszweck, um so zu werden geschieht etwas mit einem und dafür ist nur noch Gestammel. Die Wortgewalt eines Degenhardt trifft auf auditive Agnosie: Verlust der akustischen Erinnerungsbilder bei erhaltenen Gehör und Verstand, Worttaubheit.