Draußen stürmt es, es regnet schon den ganzen Tag, dichter Nebel zieht auf und es wird gar nicht richtig hell. Die Kälte beißt und krallt sich in Glieder und Herz, lässt nicht mehr los. Der Wind stürmt klagend ums Haus und singt sein trauriges Lied, die Läden klappern. Im Innern, am Kamin, ist es warm und behaglich. Das Feuer prasselt, daneben dampft ein wohltuender Tee, die Kuscheldecke wartet geduldig, gleich wird der Leser kommen und es sich im Lesesessel bequem machen. Die Welt um sich herum vergessend....
London, 1861, Nebel und eisige Kälte ziehen herauf. Es ist eine harte Zeit für die Schwestern Grace und Lily, sie sind Waisen und leben in einem der ärmsten Viertel von London. Die fünfzehnjährige Grace verkauft Brunnenkresse, um das ärmliche Zimmer für sich und die siebzehnjährige Lily bezahlen zu können. Jeder Tag gleicht einem Überlebenskampf, die Frage nach dem nächsten Penny beherrscht ihr Leben, die Frage nach dem nächsten Stückchen Brot, um dem Hunger zu entkommen.
In ihrer Not nimmt Grace, nachdem sie und Lily das baufällige Mietshaus verlassen müssen, ein Stelle als Sargbegleiterin bei einem skrupellosen Bestattungsunternehmer und dessen Frau, den Unwins, an. Lily wird unterdessen im Haushalt der Unwins als Dienstmädchen angestellt. Die beiden Mädchen wissen nicht, dass es eine Zeitungsannonce gibt, die Lily Parkes als Erbin eines geheimnisvollen Vermächtnisses von unvorstellbarer Größe sucht. Die Unwins, habgierig und niederträchtig, schmieden einen teuflischen Plan, um das Erbschaft der Schwestern zu ergaunern.
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und einzig ein junger Anwaltsgehilfe steht Grace zur Seite, um das plötzliche Verschwinden ihrer Schwester aufzuklären und die Unwins daran zu hindern, die Erbschaft zu erschleichen.
Du kuschelst dich bei einer heißen Tasse wohlduftenden Tees in die Kissen und tauchst ein in ein trübes , dunkles und kaltes London, begegnest Charles Dickens, Königin Viktoria und Prinz Albert, erlebst, was einem jungen Waisenmädchen im damaligen London zustoßen kann, du bangst um die nächste Mahlzeit, hungerst und frierst. Du bringst deine letzten Andenken an deine Mutter zum Pfandhaus, weil du keinen Ausweg mehr siehst. Deine Zukunft ist ungewiss.
In ihrem historischen Jugendroman "Geheimnisvolles Vermächtnis" spinnt Mary Hooper eine Lebensgeschichte, wie sie in der damaligen Zeit wahrscheinlich hundertfach existierte. Es gelingt ihr dabei sehr anschaulich in einer einfachen aber klaren und schönen Sprache ein vielschichtiges London vor dem geistigen Auge erstehen zu lassen. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und handeln jederzeit glaubhaft. Grace besticht durch ihren Ernst und ihre Klugheit sowie ihren Mut, Lily ist ein Mädchen von einfachem Gemüt und für Jedermann leicht auszunutzen. Die Unwins sind allesamt durchtrieben und habgierig.
Der Leser erfährt viel Wissenswertes aus London, Mitte des 19. Jahrhunderts, und besonders über das viktorianische Bestattungswesen. Hierzu gibt es einen zehnseitigen Anhang zum historischen Hintergrund. Jedem Kapitel vorangestellt ist eine typische Zeitungsannonce der damaligen Zeit, die einen Bezug zum jeweiligen Kapitel hat.
Der Roman endet mit einem Happy End, ist dabei aber nicht kitschig, sondern durchaus real und lebensnah. Obwohl es sich bei "Geheimnisvolles Vermächtnis" um einen Jugendroman handelt, habe ich mich gut unterhalten gefühlt, konnte ganz in die von Mary Hooper erschaffene plastische Welt eintauchen. An keiner Stelle habe ich Unstimmigkeiten entdecken können, alle Handlungsstränge fügen sich am Ende sinnvoll und glaubhaft zusammen. Ein wunderbarer Roman, den ich nach der Lektüre traurigen Herzens zugeklappt habe, da ich mich mit Grace und Lily richtig wohlgefühlt habe.
Wie wohltuend, nach der Lektüre bei Sturm und Regen in eine warme Decke gehüllt und einen dampfenden Tee vor sich, darüber zu sinnieren, wie schrecklich und grausam es für mittellose Menschen im damaligen London gewesen sein muss, froh darüber, in der heutigen Zeit leben zu dürfen.