David Lean ist der Meister des epischen Technicolor-Melodrams:
Doktor Schiwago,
Lawrence von Arabien oder
Die Brücke am Kwai sind pralle, farbenprächtige Schinken für die Ewigkeit. Doch schon vor Technicolor verstand es Lean, kleine Meisterwerke zu drehen.
"Geheimnisvolle Erbschaft" beginnt denn auch überaus faszinierend, vor allem auf optischer und akustischer Ebene. Wie bedrohlich die Schatten kriechen, die Nebel wallen und die Bäume knarren ist so wunderbar schaurig und schön, dass es einen nicht Wunder nimmt, dass der Kameramann weiland mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.
Die Geschichte um Pip und seinen geheimnisvollen Wohltäter, um die schöne Estella und die verschrobene Miss Havisham ist freilich zusammengekürzt, aber wer würde sich daran stören - angesichts der schieren Dicke Dickens' Werkes, zumal die Kürzungen behutsam vorgenommen wurden und es nie den Anschein hat, als wären sehr wichtige Passagen zugusten von Überflüsigem gestrichen worden - wie etwa bei der scheußlichen
Sturmhöhe-Verfilmung von 1939.
Die Besetzung der Charaktere empfand ich als sehr gelungen, vor allem Jean Simmons als junge Estella hat mir gefallen, aber auch Tony Wagner als junger Pip war rührend - und Alec Guiness in seiner ersten Filmrolle sollte sich eigentlich auch kein Filmliebhaber entgehen lassen. Einzig Martita Hunt als Miss Havisham war nicht zu hundert Prozent mein Fall - sie wurde in meinen Augen von der grandiosen Anne Bancroft in der
'98er Cuarón-Verfilmung uneinholbar überflügelt. Aber nicht nur die Hauptfiguren sind gut bis großartig besetzt: auch die Nebenfiguren wie Mr. Jaggers oder Mr. Wemmick überzeugen auf der ganzen Linie. Erwähnenswert ist überdies die wunderbare Ausstattung, die zurecht ebenfalls mit einem Oscar geehrt wurden.
Einziger Kritikpunkt ist das Ende, das ein wenig zu romantisch und unglaubwürdig geriet und der Buchvorlage nicht ganz gerecht wird.
Alles in allem erinnert Leans Meisterwerk in emotionaler, künstlerischer und ausstattungstechnischer Hinsicht sehr an George Cukors Version von
David Copperfield, die ich so sehr liebe. Vielleicht gefällt es mir sogar noch ein wenig besser, da ich die Kürzungen als nicht so auffällig empfand.
Kurzum: Wer Dickens mag, kommt um diese über die Maßen gelungene Verfilmung der "Großen Erwartungen" nicht herum.