Eines der bekanntesten Bücher des preisgekrönten Autors John Watson - einem Internationalen Schachmeisters aus Amerika - ist zweifellos "Geheimnisse moderner Schachstrategie". Dieses Werk, welches ursprünglich bereits im Jahre 1998 unter dem Titel "Secrets of modern chess strategy" im Gambit Verlag veröffentlicht und vier Jahre später vom deutschen Großmeister und Schachbuchautor Karsten Müller ins Deutsche übertragen wurde, hat inzwischen für viele Schachfreunde und auch nach Meinung des Rezensenten völlig zu Recht Kultstatus erreicht.
In den gut zehn Jahren seit Erscheinen des Buches sind jede Menge Besprechungen zu dieser damals als revolutionär apostrophierten Publikation veröffentlicht worden. Was machte bzw. macht auch noch heutzutage dieses Werk so ungewöhnlich und vor allem lesenswert?
Zunächst stellt John Watson klar, dass es sich bei seinem Buch keinesfalls um ein Lehrwerk im klassischen Sinne handelt; allenfalls um eine Art Lehrbuch des Mittelspiels. Er sieht vielmehr seine Aufgabe darin "die bedeutendsten Änderungen der Schachtheorie herauszustellen, die modernes von klassischem Schachdenken unterscheidet".
Watson gliedert seine Untersuchungen in zwei große Abschnitte, welche mit "Die Verfeinerung der traditionellen Theorie", sowie "neue Ideen und die moderne Revolution" betitelt sind.
Im ersten Teil zeigt der Autor auf sehr anschauliche Weise, wie das Verständnis von Methoden, welche Aaron Nimzowitsch in seinem damals bahnbrechenden Werk "Mein System" darlegte, im Laufe der Jahrzehnte immer weiter verbessert worden sind. Nicht von ungefähr hat Watson als Untertitel für seine Schachstrategie den Titel "Fortschritte seit Nimzowitsch" gewählt. In den insgesamt neun Unterkapiteln werden neben vielen anderen Themen Zentrumsstrukturen, der Umgang mit Leichtfiguren, Bauernmehrheiten, sowie Bauern in jedweder Form wie etwa isolierter, verdoppelt oder als Freibauern. behandelt.
Wie in vielen anderen Büchern von John Watson fällt bei der Beschäftigung mit dem Buch sofort sehr positiv auf, dass der Autor größten Wert darauf legt, seinen Lesern die Zusammenhänge anschaulich, das heißt beinahe ausschließlich in erklärender Textform näher zu bringen. Er erreicht dies zusätzlich durch eine gelungene Auswahl der Partien, bzw. deren Fragmenten. Dass es sich bei dem gewählten Material häufig um ältere oder altbekannte Beispiele handelt, stört wegen der leicht verständlichen und äußerst lehrreichen Erläuterungen nicht im Geringsten.
Exemplarisch für die außerordentliche Qualität der Arbeit von John Watson sei das gerade einmal nur vier (!) Seiten umfassende Kapitel über den isolierten Damenbauern genannt. In kaum einem Schachbuch erhält man auf so kleinem Raum, so viele nützliche und gut verständliche Informationen! Bezeichnend bzw. der rote Faden für das ganze Buch ist die Schlussfolgerung des Autors zu diesem Abschnitt, in dem er anführt, dass die moderne Entwicklung des Themas isolierter Damenbauer zwar in ihren Grundzügen weiter den vor langem erarbeiteten Prinzipien entsprechen, aber der Unterschied heutzutage im detaillierten Verständnis einzelner Positionen, sowie der Bereitschaft der Spieler "ihre Kräfte in untypischer Weise" aufzubauen liegt.
Die Intention des mit gut 200 Seiten beinahe doppelt so großen zweiten Teiles von Watsons Schachstrategie ist, viele der im ersten Teil vorgestellten Themen unter dem Motto der Kapitelüberschrift "neue Ideen und moderne Revolution" zu beleuchten. Typisch ist von den
insgesamt 14 Unterpunkten vor allem der Abschnitt "Unabhängigkeit von Regeln". Aber auch Themen wie etwa Qualitätsopfer oder Prophylaxe, welche ebenso in der bereits erwähnten sehr instruktiven Weise dargestellt werden, machen die Arbeit mit diesem Buch gleichermaßen unterhaltsam wie lohnend.
Natürlich kann die Gliederung des riesigen Materials nur subjektiv ausfallen, da es naturgemäß viele Überschneidungen gibt. Auch dass die Geheimnisse der modernen Schachstrategie" nicht umfassend oder gar aktuell sein können, versteht sich bei der rasanten Entwicklung des modernen Spitzenschach und der Unmengen an Informationsmöglichkeiten von selbst. Wie zeitgemäß jedoch Watsons Ansatz seiner Untersuchungen immer noch ist, zeigt die Praxis bei beinahe jedem größeren Turnier. Gerade der Einsatz von leistungsstarker Schachsoftware hat in den letzten Jahren zu einem Umdenken im Bereich des Spitzenschachs geführt. Immer häufiger wenden inzwischen die führenden Großmeister Systeme an, welche in früheren Jahren als zweifelhaft oder gar ungesund galten. So sind etwa positionelle Zugeständnisse um dynamische Strukturen zu erreichen, inzwischen an der Tagesordnung. Mit Hilfe der Schachprogramme kann nun eben verlässlich die etwaige Kompensation - insbesondere im taktischen Bereich - ermittelt werden. Die Rolle des Computers beim Erfinden bzw. Ausloten neuer Strukturen im Mittelspiel würde sich daher als zusätzliches Kapitel in einer Neuauflage geradezu aufdrängen.
Insgesamt handelt es sich bei dem Buch von John Watson- auch nach Meinung anerkannter Großmeister wie etwa Nigel Short - heute schon um einen Klassiker der Schachliteratur.
Die im Gambit Verlag übliche hervorragende optische Gestaltung, ein Partienverzeichnis, sowie ein Eröffnungsindex machen die Beschäftigung mit diesem Werk zusätzlich zu einem Vergnügen.
Wenn sich überhaupt eine Publikation der letzten zwanzig Jahre mit diesem wunderbaren Werk, welches bereits kurz nach seinem Erscheinen sehr zu Recht mit dem Preis der amerikanischen, sowie der britischen Schachföderation ausgezeichnet worden war, vergleichen ließe, so scheint wohl nur das auch häufig von John Watson in seinem Buch zitierte "Dynamik chess strategy" von Mihai Suba in Frage zu kommen.
Aus Watsons Geheimnissen moderner Schachstrategie können wirklich Schachfreunde jeder Spielstärke großen Nutzen ziehen. Die hervorragende Verständlichkeit der Erklärungen macht das Buch ideal für das Selbststudium, aber auch Schachtrainer und Übungsleiter werden gerne auf das riesige Füllhorn an wunderbarem Trainingsmaterial zurückgreifen.
Fazit: Ein Schachklassiker, welches jedem Schachfreund nur wärmstens empfohlen werden kann und in keiner Schachbibliothek fehlen sollte.