Vor seiner Hinrichtung im Berliner Bendlerblock soll der Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg ausgerufen haben: "Es lebe das geheime Deutschland." Sagen die einen. Andere wollen wissen, die letzten Worte des umstrittenen Freiheitskämpfers hätten dem "geheiligten Deutschland" gegolten. Ganz gleich, welcher der beiden Varianten man nun Glauben schenken oder wie man die Rolle von Stauffenbergs insgesamt bewerten mag: Dessen Lob des 'geheimen Deutschlands' - gemeint ist die deutsche Dichterkultur von Goethe bis George - verwendet der Berliner Filmemacher Rüdiger Sünner als Aufhänger für eine Neubetrachtung der deutschen Frühromantik, deren Schätze unter der Oberfläche heutiger Unterhaltungskultur auf Neuentdeckung warten.
Dabei wird der Begriff der Frühromantik recht weit gefasst. Ohne die üblichen Abgrenzungsversuche der Kulturhistoriker werden unter anderem Herder und Goethe als Kronzeugen benannt. Denn eines ist offensichtlich: Dem Autor geht nicht um akademisch-begriffliche Abgrenzungsversuche, sondern um den lebendigen Geist dichtender Philosophen und philosophierender Dichter, sowie ferner um eine Popularisierung eben dieses Geistes für die heutige westliche Kultur, die sich gerade in Deutschland allzuhäufig in quälerischem Selbstzweifel ergeht und spirituelles Potential allenfalls fernöstlichen und exotischen Traditionen zugestehen will.
Kaum eine Epoche ist so sehr mit Klischees überfrachtet, wie die der Dichter, Denker und Maler der romantischen Frühzeit um 1800, wurde der revolutionäre Geist etwa eines Novalis oder Hölderlin doch bereits früh von bürgerlichen Sehnsuchtsprojektionen überfrachtet, was unserem Bild von der Romantik nicht gutgetan hat.
Was es mit Sünners Film vor allem wiederzuentdecken gilt, ist das spirituelle Naturverständnis der ursprünglichen Romantik, das vor allem, wenn man einmal von der singulären Position eines Caspar David Friedrich absieht, in dichterischen und philosophischen Werken eine kaum wieder erreichte Verdichtung fand.
Sünner mutet dem Zuschauer einiges zu, weshalb ein Film wie ,Geheimes Deutschland' das Publikum spalten muss. Ganz entgegen dem Zeitgeist setzt der ehemalige TV-Filmer, dem sich mit dem DVD-Markt neue künstlerische und vertriebliche Möglichkeiten erschlossen haben, auf stille und kontemplative Bilder. Wer sich als TV-Konsument noch nicht Auge und Geist verdorben hat, wird seine konsequent poetische Erzählweise zu schätzen wissen. Dem Geist der Romantik wird genügend Raum und Zeit zugestanden, um sich frei entfalten zu können und die Tiefen unseres Bewusstseins zu durchtränken. Dichte und Intensität des Gehörten und Gezeigten lassen der Langeweile keine Chance. Ruhig und langsam geschnittene Naturaufnahmen werden von der poetischen Kraft prägnanter Zitate frühromantischer Dichterphilosophen gleichsam mythisch aufgeladen.
Frei von Romantikklischees und schulmeisterlicher Attitüde gelingt es Sünner, eine Epoche in ein neues und ungewohntes Licht zu rücken, die viele vorschnell als ausgereizt abgehakt haben. Nachdem der Geist der deutschen Frühromantik durch Biedermeier, Faschismus und Popkultur verdrängt und unterdrückt wurde, kann das Kunst- und Naturverständnis dieses kurzen und nach wie vor unterschätzten Höhepunkts deutscher Kulturgeschichte nun auch in unserer Zeit wirksam werden.