... das erfährt die von einer Isabelle Huppert in Höchstform brillant verkörperte Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman in diesem subtilen Sittendrama von Regiealtmeister Claude Chabrol aus dem Jahre 2006 in mehrfacher Hinsicht am eigenen Leib. Es geht nur vordergründig um eine Aufarbeitung des Elf Aquitaine Skandals aus den 90er Jahren, obwohl Chabrol dies durch seine ironische Einblendung eines Texthinweises auf die "lediglich zufälligen Ähnlichkeiten mit lebenden Personen" durchaus versucht anzudeuten. Ihm scheint aber der persönliche Blick auf die handelnden Personen, insbesondere auf Jeanne viel wesentlicher zu sein, als dokumentarische Exaktheit. In sofern ist auch der schwache deutsche Titel des Films nicht recht zu verstehen, lenkt er doch von Chabrols eigentlichem Motiv, die Machttrunkenheit aller beteiligten Personen darzustellen ab, indem er von "Geheimen Staatsaffären" spricht, ohne auch nur eine einzige zu zeigen. Was man sieht, sind lediglich einige der am Skandal beteiligten Wirtschaftsbosse, Geldwäscher usw. und natürlich Jeanne und ihre zerbrechende Ehe und Karriere.
Woran zerbrechen nun beide? Chabrol deutet an, dass die unterklassige Herkunft Jeannes in ihr einen gewaltigen Ehrgeiz geweckt haben mag, es den Reichen und Privilegierten zu zeigen. Sie genießt ihre Macht, erfährt aber mehr und mehr, dass sie sowohl an Leib und Leben bedroht, als auch mehr und mehr auf unwichtige Posten weggelobt wird. Zugleich zerbricht ihre Ehe immer weiter an ihrem Ehrgeiz, der wie der Film zeigt, eher dem Kampf des Don Quichote mit den Windmühlen gleicht als einem echten Sieg über Korruption und schwarze Kassen. Im Gegenteil: Der Film zeigt, wie gut dieses System funktioniert. Einige Leute werden angeklagt, der ehemalige Vorstandsvorsitzende wird fallen gelassen und geht gesundheitlich vor die Hunde, was Jeanne am Ende fast Leid zu tun scheint, während im Hintergrund weiter die Strippen gezogen werden.
Thomas, der Sohn von Regisseur Claude Chabrol in der Nebenrolle des Neffen Felix bringt immer wieder ein gewisses volkstümliches Element mit in die Handlung ein, wenn er in Gesprächen mit seiner angeheirateten Tante Jeanne eher gelassen bis belustigt auf deren Robbespierre-mäßigen fanatischen Verfolgungs- und Gerechtigkeitstiraden reagiert. Auch diese Besetzung scheint mir ein weiterer Hinweis darauf zu sein, dass Chabrol es nicht so sehr auf die politischen Hintergründe sondern eher auf die Bloßstellung der Machtgier eben gerade auch dieser Untersuchungsrichterin abgesehen hat, wozu auch passen würde, dass deren Real-Life-Vorbild Eva Joly rechtliche Schritte angedroht hat, die sie allerdings dann meines Wissens nie wirklich eingeleitet hat.
Fazit: Aus meiner Sicht viel mehr ein Film über die Versuchung von Macht und Eitelkeit, als über politische Zusammenhänge. Der Elf Aquitaine Fall wird lediglich als Aufhänger benutzt, um zu zeigen, wie tief alle handelnden Personen - einschließlich Richterin Jeanne Charmant - in diesem menschlichen Sumpf stecken. Wenn man Chabrols Aussagen und Gestus in den Interviews sieht, die in den Extras enthalten sind, fragt man sich allerdings, ob nicht auch er ein wenig von LIvresse Du Pouvoir angesteckt worden ist. Wer könnte es ihm verdenken...