Das Ende des Kalten Krieges und der Untergang der Sowjetunion waren nicht nur für diverse Nationen und die Rüstungsindustrie von nachhaltiger Bedeutung, sondern auch ein ganzes Literaturgenre mit all seinen Autor, was von vielen gefeiert wurde, war für andere der mögliche Untergang des Spionageromans und seiner bedeutendsten Vertreter wie John le Carré. Und nach mehreren eher mittelmäßigen Romanen und Rückbesinnungsversuchen auf die goldenen Jahre schlägt er mit Geheime Melodie einen neuen Weg ein, wobei man besonders betonen muss dass sich John le Carré als einer von wenigen Autoren nicht für einen Thriller über den Krieg gegen den Terrorismus hergegeben hat.
Der Top-Dolmetscher Bruno "Salvo" Salvador ist als Sohn eines irisch-französischen Missionars und einer Kongolesin im Kongo aufgewachsen, bis er nach dem Tod seines Vaters in ein englisches Waisenhaus abgeschoben wurde. Dort geschah was sein Leben von da an bestimmen sollte, denn Pater Michael erkannte den Jungen als Sprach-Genie und verschaffte ihm eine entsprechende Förderung, um zahlreiche weitere Sprachen und Diplome zu erwerben, deshalb ist Salvo in der Branche sehr gefragt und das haben nicht nur Konferenzleiter und Firmenbosse erkannt, sondern auch der Geheimdienst, für den er insgeheim als freier Mitarbeiter immer wieder als Übersetzer einspringt. Nebenbei arbeitet Salvo auch für einige Londoner Krankenhäuser, wo er die ebenfalls aus den Kongo stammende Diplomkrankenschwester Hannah kennen lernt.
Doch Salvo ist unglücklich verheiratet und erhält gerade auf einem Empfang für seine Frau, seinen bisher wichtigsten Geheimdienstauftrag, den er annimmt und sofort aufbricht. Neu eingekleidet, grundlegend eingewiesen wird er für einen "Fronteinsatz" eingespannt und soll als Brian Sinclair den Dolmetscher für ein anonymes Agrarsyndikat mimen. Umgehend wird er in den Kongo gebracht, wo er in einem sicheren Haus auf eine handvoll Männer, einen französischen Notar mit Spezialisierung auf Steuerrecht und einen mysteriösen "Vertrag" trifft, der die Situation im Kongo nachhaltig verbessern soll. Zum ersten Mal in seinem Leben beginnt Salvo ein eigenes Interesse am Inhalt der Gespräche zu entwickeln und so führt ihn seine gefährliche Heimatliebe dazu, auch in Aufzeichnungen hineinzuhören, die eigentlich unter Verschluss bleiben sollten...
Im Zentrum von Geheime Melodie steht die bewegte Geschichte des Kongo und dient als Beispiel für die neokolonialen Ambitionen ehemaliger Großmächte wie Frankreich oder eben England. Der Spion Bruno Salvador ist dabei das ideale Beispiel für einen naiven Idealisten, der langsam erkennen muss, dass sich selbst hinter den Lichtgestalten der Entwicklungshilfe oft sehr zwielichtige Interessen stehen. Für einen Autor wie John le Carré versteht es sich dabei schon wie von selbst, dass dieses Werk auch gut recherchiert und mit einer aufschlussreichen Gewissensfrage ausstaffiert ist. In diesem Fall sind das Brunos persönliche Interessen und moralische Skrupel, die er sich in seinem Beruf nicht erlauben kann, denen er aus Liebe zur einstigen Heimat jedoch nachgibt.
Geheime Melodie ist nur noch ansatzweise mit den klassischen Spionageromanen aus dem Kalten Krieg zu vergleichen und dennoch, es könnte als Beispiel dafür dienen dass auch John le Carré im 21. Jahrhundert noch eine feste Größe des Genres bleiben könnte. Zu bedenken gilt allerdings dass Geheime Melodie aus der Sicht des Protagonisten dargestellt wird und daher in der Ich-Form verfasst wurde, was womöglich nicht jedermanns Sache ist. Wendungen über Wendungen sind es was die Spannung in Geheime Melodie nie abreißen lässt, es gibt immer wieder etwas zu entdecken. Die Charaktere selbst tragen noch zu dieser Atmosphäre bei, sind sie doch schwer berechenbar und fern jeglicher Klischees vielleicht sogar mit einer psychologischen Tiefe ausgestattet, die man sonst nur selten findet, wobei sie sich freilich nur schwer in die Karten schauen lassen.
Fazit:
Geheime Melodie ist ein Meisterwerk und das nicht nur weil es von einem "Meister des Spionageromans" geschaffen wurde, sondern schlichtweg weil es dank seines wendungsreichen Plots, seiner spannenden und gut recherchierten Geschichte, sowie gut gezeichneter Charaktere völlig ohne Hollywood-Action auskommt und gehaltvolle Unterhaltung verspricht.