Um eines gleich zu Beginn klar zustellen - Verschwörungstheoretiker werden dieses Buch nicht mögen. Denn Klaus-Rüdiger Mai begeht nicht den Fehler, die weit verbreiteten Halbwahrheiten und Spekulationen neu aufzuwärmen, um ein düsteres Bild einer von Geheimbünden regierten Menschheit zu zeichnen, in der die Mächtigen kaltblütig morden und der Bürger nur ein Spielball höherer Interessen ist. Stattdessen bemüht sich der Autor um eine objektive Sicht auf das Phänomen der Verschwörungstheorien und entlarvt, wo Lügengespinste, gescheiterte Vorsätze und Verdächtigungen, aber auch bewusste Manipulationen zu der Annahme führten, Geheimbünde seien am Werk. Er geht auf die Ursprünge der Freimaurer und Rosenkreuzer ein, erzählt in einem lockeren Plauderton über die Gründung der Erleuchteten und die Idee eines Franzosen, einen Ritterorden nach alter Tradition zu gründen - den Prieuré de Sion. Ohne auf die Gefühle jener Rücksicht zu nehmen, die Verschwörungen brauchen wie die Luft zum Atmen, deckt er den Mythos auf, der manche Bünde seit Jahrhunderten umgibt.
Auf der anderen Seite zeigt Mai aber auch, wo tatsächlich Geheimbünde am Werk sind, welche Skandale und Morde durch sie verursacht oder verhindert wurden und wie weit ihre Verstrickungen, teils auch mit dem organisierten Verbrechen, doch reichen.
Der Stil, dessen sich der Autor bedient, ist locker und gut zu lesen, gespickt mit ironischen und humorigen Einwürfen. Es macht Spaß, den verschlungenen Pfaden menschlicher Einbildungskraft zu folgen, dann aber auch wieder bestürzt zu sehen, welches Grauen manche Veröffentlichungen wie Die Protokolle der Weisen von Zion auslösen können. Waren sie doch unter anderem ein Argument, mit dem Hitler die Judenverfolgung rechtfertigte.
Auch weiß der Autor mit gut recherchierten geschichtlichen Fakten zu punkten. Der Weg von nationalem Bewusstsein und den Burschenschaften hin zu Geheimbünden ist interessant nachzuvollziehen und gibt einen Einblick in ein Stück deutsche Geschichte, das so nicht jeder kennen dürfte.
Am Ende des Buches weiß der Leser, welche Kräfte tatsächlich am Werk sind und welche in das Reich der Legenden gehören.
Fazit: Ein unterhaltsam geschriebenes, sehr informatives Buch zum Thema Geheimbünde, das sich angenehm von anderen Werken dieser Art unterscheidet, da es nicht nur bekannte, weit verbreitete Mythen neu erzählt. Für Verschwörungstheoretiker nur sehr bedingt geeignet.