Im Rahmen der "Operation Moses" wurden Ende 1984 in einer geheimen Gemeinschaftsoperation von Israel und den USA etwa 8000 Äthiopier j*dischen Glaubens aus sudanischen Rettungslagern nach Israel gebracht - rund 4000 Flüchtlinge verloren ihr Leben. Radu Mihaileanu erzählt in seinem Film "Geh und lebe" von 2005 das Schicksal eines schwarzen Jungen, der "als J*de" von seiner christlichen Mutter in einen solchen Transport hineingemogelt wurde - eine j*dische Mutter, die gerade den eigenen Sohn verloren hatte, gibt Schlomo als ihr Kind aus.
Der Junge nennt sich nun "Salomon" - mit Kosenamen "Schlomo" - und wird tatsächlich in Israel aufgenommen. Eine eher liberal als gläubig ausgerichtete Familie - sie selbst nennt sich "links" - adoptiert ihn. Doch stets würde ihm die Ausweisung drohen, wenn ans Tageslicht käme, dass er bei der Einreise kein J*de gewesen war: die Ausweisung in sudanische Lager oder in die Hungerregion Äthiopien käme aber einem Todesurteil gleich. Aber auch im "normalen" Leben wird er als Schwarzer angefeindet, und sein Aufenthaltsrecht wird in Frage gestellt, insbesondere vom Vater eines jüdischen Mädchens, das sich in ihn verliebt hat.
Der Film verdeutlicht auf einfühlsame Weise die unendliche Not von Flüchtlingen. Irgendwann spielen die Motive für Vertreibung und Ablehnung, für Diskriminierung und Verfolgung für den Einzelnen kaum noch eine Rolle, ob sie nun ethnischer, religiöser oder rassistischer Natur sind - die Vorwände wirken austauschbar, beliebig und willkürlich. Die Angst um das nackte Überleben zwingt die Mutter, sich von ihrem Sohn zu trennen, den jungen Liebenden, seine Braut zu belügen, den Arzt, nur die "richtigen" Patienten zu behandeln.
Viele angrenzende Themen werden berührt, so zum Beispiel die Enklave der farbigen Einwanderer, die religiöse Intoleranz der j*dischen Institutionen und natürlich die Kriege und die Palästinenserfrage. Israel wird als "ganz normaler Staat" erfahrbar, als inhomogene Gesellschaft mit vielen Gesichtern.
Das alles gelingt unter dem Strich erstaunlich natürlich und daher glaubwürdig, auch wenn nicht alle Handlungsstränge aufgelöst werden; insgesamt überwiegt ein positiver Eindruck, und die geschichtliche Umgebung beeindruckt.
So zeigt der Film am Beispiel Einzelner nachvollziehbar, aber auf leise Art, das Leid, das durch fanatische Religiosität, durch Rassismus und Nationalismus entsteht, aber auch die Paranoia, die dem innewohnt. Er sollte Verständnis und Toleranz wecken - und demonstrieren, dass es immer einen Weg geben kann, wenn Menschen guten Willens sind.
Im Original 140 Minuten, Format 2,35:1 auf 35 mm Film, DD|DTS (IMDB)
film-jury 4* A0513 27.2.2011eg Genre: Drama