Über den Autor
Cathy Kelly arbeitete als Redakteurin, Filmkritikerin und "Kummerkastentante" bei der Dubliner "Sunday World". Ihre Romane dominierten wochenlang die irischen und englischen Bestsellerlisten und sorgen inzwischen auch in Deutschland für Furore. Cathy Kelly ist seit 2005 UNICEF-Botschafterin in Irland. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihren Zwillingssöhnen in Wicklow, Irland. Weitere Romane von Cathy Kelly sind bei Blanvalet bereits in Vorbereitung.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Aus dem Radio im Verkaufsbüro nebenan drang die atemlose, kindliche Stimme von Santa Baby, die sich eine Yacht, eine Eigentumswohnung und mehrere Rennpferde wünschte. Besser immerhin als White Christmas, das Evie in der vergangenen Woche mindestens zehn Mal gehört hatte und das sie mittlerweile fast im Schlaf singen konnte. Wäre Bing Crosby nicht schon tot, hätte sie gute Lust gehabt ihn umzubringen. Evie hielt kurz inne und streckte ihre Hände über der Computertastatur. Sie war müde. Seit früh um acht hockte sie bereits im Büro, die meiste Zeit hatte sie an der Schreibmaschine gesessen und zwischendurch einer neuen Mitarbeiterin Microsoft Word erklärt - obwohl diese beim Vorstellungsgespräch Stein und Bein geschworen hatte, es zu beherrschen. So wie sie allerdings heute Morgen aus der Wäsche geschaut hatte, hatten sich bei Evie Zweifel gemeldet, ob sie überhaupt Englisch sprechen könne, von Computerkenntnissen ganz zu schweigen. Der Duft von Java-Kaffee schwebte aus dem Verkaufsbüro herüber. Evie schnupperte sehnsüchtig. Für eine Tasse Kaffee würde sie glatt ihre Seele verkaufen. Den Geschmack des warmen, vollmundigen Koffeins hätte sie zum Auffüllen ihrer Kraftreserven gut gebrauchen können. Doch sie durfte keinen Kaffee trinken. Sie trank Früchtetees - vorzugsweise Zitrone - und zusätzlich jeden Tag anderthalb Liter Wasser. Wie sonst sollte sie Po und Schenkel während ihrer Flitterwochen im Bikini offenbaren, wenn sie ihre Zellulitis nicht endlich in den Griff bekam? Von hinten betrachtet erinnerte ihr Po an eine Landkarte des Mondes - nicht gerade der Anblick, den man auf der romantischen Insel Kreta, in der Sonne liegend, der Öffentlichkeit darbieten wollte. Es sei denn, natürlich, an die Mondoberfläche erinnernde Pos würden zum letzten Schrei avancieren, ebenso ein Muss wie ein geknoteter Sarong, sonnengebräunte Haut und transparente Plastiktaschen. »Zellulitis loszuwerden ist keine kurzfristige Angelegenheit, sondern eine Lebensaufgabe«, hatte die Kosmetikerin letzte Woche arrogant bemerkt. »Ganz besonders dann, wenn man ein wenig in die Jahre kommt. Frauen über fünfunddreißig müssen vorsichtiger sein, wissen Sie«, hatte sie noch bedeutungsvoll hinzugefügt. Evie hätte gerne gewusst, warum die Kosmetikerin - selbst gerade etwas über zwanzig - mit einer derartigen Gewissheit über Zellulitis und über Frauen sprechen konnte, die die fünfunddreißig überschritten hatten. Doch sie hakte nicht nach. Vermutlich verhielt es sich genau wie mit allen anderen Dingen - nach fünfunddreißig wurde alles runzelig, faltig, besaß weniger Spannkraft und schrumpfte. Alles außer Bauch und Taille, die sich deutlich sichtbar ausdehnten. Evie hatte es sich in den Kopf gesetzt, in ihrem Bikini nicht wie eine riesige Fettblase auszusehen. Sie hatte einen Anti-Zellulitis-Plan aufgestellt, nach dem sie innerhalb von neun Monaten ihren Orangenhautpo in ein weiches, festes und mit Pfirsichhaut überzogenes Ding verwandeln würde, das sie allen zeigen konnte. Nach über einer Woche ihres Vorsatzes, sich lediglich zu ganz besonderen Anlässen eine Tasse Kaffee zu gönnen, lobte sie ihre eigene Tugendhaftigkeit. Aber Himmel noch mal, leicht fiel es ihr nicht. Sie bemühte sich, den verführerischen Duft der Kaffeemaschine zu ignorieren und dehnte Arme und Schultern, ehe sie die Arbeit am Computer wieder aufnehmen wollte. Während sie ihre Finger spreizte, spiegelte sich das Neonlicht des Büros in ihrem Solitärring und brachte ihn zum Leuchten, wobei das eine Karat im Licht aufblitzte. Sie streckte ihre Hand aus und bewunderte das breite goldene Band mit dem einfachen, großen Diamanten. Simon besaß einen ausgezeichneten Geschmack, obgleich der Ring größer war, als sie selbst ihn sich ausgesucht hätte.