Geh an die Orte die du fürchtest -- hinter dem Titel scheint sich zunächst ein beliebiges Produkt der Kategorie "Selbsthilfeliteratur" zu verbergen. Tatsächlich handelt es sich bei Pema Chödröns flott geschriebenem und gut verständlichen nützlichen kleinen Ratgeber jedoch um nicht weniger als eine Einführung in Bodhichitta (Geist des Erwachens bzw. der Erleuchtung) und die "Vier Unermesslichen". Unter Letzteren wird im tibetischen Buddhismus eine Geisteshaltung verstanden, die Liebende Güte, Mitgefühl, Freude und Gleichmut umfasst -- jene Tugenden, die sich auf Dauer, langsam aber unerbittlich, wie von selbst einzuschleichen beginnen, wenn man Pema Chödröns Buch nicht nur liest, sondern eine Weile mit ihm zu leben bereit ist.
Als enge (westliche) Schülerin der bedeutenden tibetischen Lehrer Chögyam Trungpa und seines Sohnes Sakyong Mipham, ist die Autorin bestens geeignet, eine tiefgründige (wenn auch zunächst vielleicht fremd oder exotisch erscheinende) geistige Tradition in einer Weise zu vermitteln, die auf die Bedürfnisse, Aufnahmefähigkeit sowie die Lebensbedingungen des westlichen Menschen zugeschnitten ist.
Gerade für denjenigen Leser, der nicht den Ehrgeiz besitzt, sich in eine komplexe Terminologie einzuarbeiten, sondern an praktischen Übungen interessiert ist, hält Pema Chödrön einen hervorragenden Leitfaden in der Hand, der es uns ermöglicht, das Labyrinth einer wirkungsvollen tibetischen Spiritualität zu bereisen, sofern wir es verstehen, einige einfache Praktiken dauerhaft in unseren Alltag zu integrieren.
Als Übungen, die darauf ausgerichtet sind, Egoismus zu überwinden und sich für andere zu öffnen, eignen sich die im Buch beschriebenen Praktiken ("Tonglen") hervorragend, um unser Bewusstsein fernab von abgehobener Esoterik im Hinblick auf eine Steigerung von Lebensqualität zu fördern, das immer auch das Wohl der Anderen im Blick hat.
Wem der unmittelbare Zugang zu den klassischen tibetischen Quellentexten ("Atishas Losungen zur Geistesschulung") verwehrt ist (und das dürfte für so gut wie alle Abendländer gelten), erschließen sich tiefgreifende Zusammenhänge spielerisch, wenn sie wie hier durch einfache Alltagsbeispiele illustriert werden.
Dabei scheut die Autorin übrigens auch nicht vor persönlichen Anekdoten zurück, die erahnen lassen, das auch jemand, der sich ein Leben lang mit buddhistischer Geistesschulung befasst hat, keineswegs frei von menschlichen Schwächen ist. Das macht die Autorin umso sympathischer, und ermöglicht uns, als Leser, etwas nachsichtiger mit unseren eigenen Unvollkommenheiten umzugehen.
(Zum Schluss noch ein kleiner Verbesserungsvorschlag: Die im Anhang aufgeführten zusammengefassten Übungen hätten an einigen Stellen noch kurze Kommentare vertragen können, um eine bessere Verständlichkeit zu gewährleisten. Wer wirklich mit dem Buch arbeitet, dem werden sich jedoch über kurz oder lang wohl auch die dunklen Stellen erschließen.)