Dass die durch den Ersten Weltkrieg geschaffene Not und ihre Verschärfung in der Weltwirtschaftskrise die Menschen anfällig für die Agitation der Rechts- wie Linksradikalen werden ließ, war Zeitgenossen nicht unbekannt, doch in der polarisierten Zwischenkriegsgesellschaft blieb für die Stimmen der Vernunft scheinbar kein Platz. Menschen wie Irene Harand hatten die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch verstanden, dass sich der Rassenhass nur beseitigen ließ, wenn man die Menschennot zu lindern versteht. Doch die politischen Lager und ihre Repräsentanten weigerten sich zusammenzuarbeiten und hofften aus den Fehlern der jeweils anderen politisches Kapital zu schlagen, bis die Demokratie 1933 längst verloren war und im Bürgerkrieg von 1934 gipfelte, der die Bemühungen des austrofaschistischen Regimes, dass österreichische Volk im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu vereinen, von vornherein zum Scheitern verurteilte.
Warum wurden Irene Harand und ihre als Harandbewegung bekannte "Bewegung gegen Rassenhass und Menschennot" jedoch vergessen, wenn sie sich doch geradezu für eine Vereinnahmung durch Konservative oder Linke anbietet. Als Bürgerliche bekannte sie sich zu Sozialreformen und sah den Holocaust schon lange voraus, noch ehe Hitler der finale Durchbruch gelang, während sie als spätere Austrofaschistin tief gläubig und patriotisch zum Regime stand und gewissermaßen die philo-semitische, antinationalsozialistische Seite der Vaterländischen Front verkörperte. Sie war, wie die Autoren in den Schlussbemerkungen konstatieren (S. 221) "eine Frau die nicht nur gegen die Strömungen der Zeit aufstand und Widerstand leistete im Namen der Humanität, sondern es auch wagte, einen utopischen Gegenentwurf einer menschlichen, von Hass und Not befreiten Welt zu propagieren." Doch zugleich erkannte sie als eine der ersten Österreichs "Täterrolle" im Nationalsozialismus an und erwies sich als ideologisch schwer einzuordnen, besonders nachdem sie sich im US-Exil von der Austrofaschistin zur Monarchistin und schließlich als US-Bürgerin zur Demokratin wurde.
1938 in die Emigration nach New York geflohen, nachdem sie gerade auf Vortragsreise war, kämpfte sie im Exil zwar weiter gegen den Nationalsozialismus und für die Eigenständigkeit des nun dem Dritten Reich einverleibten Österreichs, doch das offizielle Österreich der Zweiten Republik beschloss nach 45 sie zu ignorieren. Ein 1947 im Wiener Kurier veröffentlichter Artikel über Werk und Tätigkeit blieb die letzte österreichische Anerkennung ihrer Arbeit, ehe sie gleichsam mit der Ehrung als Gerechte unter den Völkern von Yad VAshem 1969 ausgezeichnet wurde und Zeithistorikerin Erika Weinzierl die "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot" gewissermaßen wiederentdeckte. Seitdem ist leider wieder wenig geschehen, um die Geschichte Irene Harands aufzuarbeiten, so ist die von Christian Klösch, Kurt Scharr und Erika Weinzierl veröffentliche Biografie dieser couragierten und intelligenten Widerstandskämpferin das bis dato einzige Werk, dass sich mit der Harandbewegung auseinandersetzt. Die Tendenz der österreichischen Politik, Diskussionen über die Erste Republik und den Ständestaat, sowie die Mitschuld an den Taten des NS-Regimes das Wasser abzugraben macht's möglich, doch es bleibt zu hoffen, dass dieser immer auch problematische Teil der Geschichte Österreichs in den nächsten Jahren eine systematische Aufarbeitung erleben wird. Dabei kann Irene Harand vielleicht einen Ausgangspunkt für Betrachtungsweisen des Austrofaschismus bieten, der fern der vorwurfsbeladenen Lagerdenkweisen steht.
Mit dem jüdischen Rechtsanwalt Moriz Zalman führte Irene Harand den Verband der Sparer und Kleinrentner Österreichs, der sich für die Opfer der kriegsfolgenbedingten Inflation nach dem Zusammenbruch der Monarchie einsetzte. Konfrontiert mit dem Leid der Bevölkerung und eines verarmten Mittelstandes begannen sie über das Verbandsorgan Welt am Morgen auch politische Forderungen zu erheben, die 1930 in der Gründung der (Ersten) Österreichischen Volkspartei mündeten, die den Einzug in den Nationalrat jedoch knapp verfehlte und nach Dollfuß Bruch mit der Demokratie in der Vaterländischen Front aufging, aus deren Erbmaße sich 1945 die neue ÖVP formieren sollte und dabei auch des Parteinamens bemächtigte. Auch wenn man es Irene Harand ankreiden kann, dass sie sich dem Regime fügte und zu einer treuen Stütze von Dollfuß und Schuschniggs Österreich-Patriotismus wurde, so bestanden bis dahin doch enge Verbindungen zur Sozialdemokratie, die den vom Verband vertretenen Anliegen im Gegensatz zu den Christlichsozialen aufgeschlossen war und schließlich auch zu ersten Entschädigungsauszahlungen an Kriegsanleihenzeichner beitrug.
Als Redakteruin der Welt am morgen begann Irene Harand ihr publizistisches Werk, dass in den zwei beachtenswerten Büchern "So? oder so? - Die Wahrheit über den Antisemitismus" und "Sein Kampf, 8 Antworten an Hitler" mündete. Der Austrofaschismus der die Auflösung der ÖVP verlangte, erlaubte es Harand jedoch ihre Tätigkeiten, sofern nicht gegen das Regime gerichtet fortzuführen, ließen sich diese doch mit dem Image der Regierung vereinen, dem Nationalsozialismus mit allen Mitteln gegenüberzutreten. Mit der unpolitischen "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot", bald oft nur noch "Harandbewegung" genannt, wollten Harand und Zalman ihr Werk fortsetzen und Österreichs Position bei der Abwehr von Hitlers Zudringlichkeiten stärken (S. 102): "Das Hakenkreuz versucht Österreich auf friedlichem Wege mit seinen Ideen zu durchdringen. Wir könnten diese Tendenzen erfolgreich entgegentreten, wenn uns das Ausland die richtige Hilfe gewähren würde. Die Harandbewegung muss so groß und mächtig werden, dass ie auch den maßgebenden Faktoren in Österreich imponiert und zeigt, das es ihr gelingen kann, in vielen Ländern der Welt so viele Förderer Österreichs zu gewinnen, die gemeinsam unserem Lande mindestens das Leisten können, was wir von Deutschland erwarten."
Dabei vertrat die Harand-Bewegung ein Grundsatzprogramm, dass in vielerlei Hinsicht auch heute noch interessante Ansätze zu bieten hat und im historischen Kontext als visionär betrachtet werden kann (S. 110):
I. Beseitigung der Not
1. Freier und ungehemmter Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Menschen und Staaten in der Welt.
2. Sicherung gerechter Preise für die Erzeugnisse der Landwirte und von gerechten Löhnen für arbeitende Menschen aller Kategorien.
3. Sicherung eines Existenzminimums für Menschen, die ohne Verschulden erwerbs- oder arbeitsunfähig sind.
4. Kranken-, Alters- und Invaliditätsversicherung für alle Erwerbstätigen.
5. Entschädigung der Opfer des Weltkrieges und der ihm nachgefolgten Inflation.
II. Beseitigung des Hasses
6. Erziehung der Jugend zur Nächstenliebe, Opferwilligkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit.
7. Förderung des Heimatgefühls, gepaart mit dem Verständnis für die Existenzberechtigung anderer Nationen und Rassen und Würdigung der gegenseitigen Kulturleistungen. Verbot der Entfachung des Hasses gegen Völker und Menschengruppen.
8. Einführung des Esparanto als obligaten Lehrgegenstand in allen Volks- und Mittelschulen.
III. Beseitigung der Kriegsgefahr
9. Schaffung eines mächtigen Völkerbundes, der den Krieg verhindern und den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fortschritt der Menschheit herbeiführen soll.
10. Schlichtung internationaler Streitigkeiten durch ein obligatorisches Schiedsgericht im Rahmen des Völkerbundes.
11. Aufklärung der Menschheit durch die Presse, durch Filme, Bücher, Broschüren, in den Schulen und in den Kirchen über Grausamkeit, Verwerflichkeit, Sinnlosigkeit des Krieges und über den Segen des Friedens.
12. Verstaatlichung der Rüstungsindustrie
Manches konnte sich bis heute durchsetzen, anderes ist ausgeblieben und seit damals Anlass für Diskussionen und Forderungen. Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise im Auge, kann man nur hoffen, dass die Menschheit aus ihren Fehlern gelernt hat und diesmal bereit ist, im Interesse des Gemeinwohls anstatt in einen neuen Abgrund auf die Morgendämmerung eines möglichen Wandels zum Besseren zuzusteuern, damit die manchmal pessimistischen Betrachtungen heutiger Berichterstattung, nicht eines Tages als Nachhall mancher Einschätzungen aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts gesehen werden, wie der Kommentar der Neuen Freien Presse vom 25. April 1932 anlässlich der Wahlergebnisse des Vortages: "Die Wahlen in Österreich und in Preußen sind nicht als normales Erzeugnis der Gesinnungen der Wählerschaft zu werten. Es sind Wahlen einer Übergangsstimmung, sie sind Wahlen des Zornes und der inneren Verkrampfung ... Wichtige Zeit, die zu aktiven Reformen hätte verwendet werden können, wurde verloren. Nun muß die Parole lauten: Rascheste und gründlichste Arbeit! Denn nur die Beseitigung der Volksnot kann den Volkszorn über das Parteiwesen beschwören" In der Morgenpost schrieb Irene Harand dazu "Nicht mehr reden, sondern handeln! [...
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