Marcel Reich-Ranicki zählt Updike zu "den bedeutendsten Erzählern unserer Tage" (s.Schutzumschlag), nach der Lektüre dieses Buches kann ich ihm nur zustimmen.
Ben Turnbull, pensionierter Börsenmakler, etwa 66 Jahre alt, in einer Villa in Massachusetts am Meer lebend, beschreibt den Ablauf des Jahres 2020. Damit wird der Roman so etwas wie Science Fiction, aber diese Elemente sind nicht aufdringlich, eher handelt es sich um eine Exponierung gewisser Phänomene, die wir in unserer Zeit beobachten: die Gefahr eines atomaren Krieges (hier hat er bereits zwischen China und den USA stattgefunden), die Auflösung der staatlichen Institutionen und öffentlichen Sicherheit (Ben zahlt erst zwei Individuen, dann einer Horde Kinder, bzw. Jugendlicher, erpresste Schutzgelder). Zwar ist der uns heute noch bekannte Komfort einer funktionierenden Infra- und Kommunikationsstruktur nicht mehr gegeben, aber im Großen und Ganzen leben Ben und seine zweite Frau Gloria das Leben betuchter, privilegierter weißer Amerikaner, er trifft sich mit Freunden zum Golfspielen, sie ist Mitbesitzerin einer Geschenkboutique, arbeitet an ihrer Fitness und der Konservierung ihres Äußeren, ihres Hauses und besonders ihres Gartens, beide besuchen ihre jeweiligen Kinder und Enkelkinder oder werden von ihnen besucht.
Die Struktur des Buches folgt der Beschreibung der Jahreszeiten. Anfangs herrscht Winter, ein Reh zeigt sich im Garten, es fasziniert Ben, reizt aber Gloria, weil es ihre Pflanzen frisst, so dass sie Ben auffordert, das Tier zu töten, was er jedoch nicht fertig bringt. In der Folgezeit, im Frühling, ist Gloria längere Zeit abwesend, er verbringt diese Zeit in der Villa mit einer jungen Hure, Deirdre, die sich schließlich mit den Typen davon macht, denen Ben die Schutzgelder zahlen muss. Als Gloria zurückgekommen ist, etabliert sich die Bande der Jugendlichen in einem entfernten Winkel des großen Grundstücks. Ben lässt sich zwar erpressen, aber gleichzeitig entwickelt sich eine kumpelhafte Beziehung zwischen ihm und der Gruppe, die 15jährige Doreen kommt ihm entgegen mit der Vorgabe: "Sie können mich anfassen, soviel sie wollen, aber keine Penetration."(282). So wollen es die Jungen in der Gruppe und so lässt Ben es sich nicht zweimal sagen. Ben gibt den Jugendlichen Ratschläge, wie sie die Nachbarn unter Druck setzen können, um auch dort Schutzgelder einzutreiben. Als das Jahr zur Neige geht, erfährt er, dass er Prostata-Krebs hat, damit wird er impotent und inkontinent. Gegen Ende des Buches herrscht wieder Winter, es gibt Anzeichen, dass es Ben wieder etwas besser geht und dass das Leben weitergeht (ein neues Baby namens Adam ist geboren), aber im Ganzen verdüstert sich das Bild: Gloria hat die Jugendlichen eliminieren lassen, das Reh wird von einem engagierten Bogenschützen erlegt, Ben schwächelt, es ist das "Ende der Zeit" (s. Titel).
Was aber so relativ simpel klingt, ist nur das äußerste Handlungsgerüst. In Wirklichkeit ist der Roman eine sehr ambitionierte Darstellung eines alternden Mannes von seinem Leben und der Welt, wobei beides miteinander zusammenhängt: Bens Welt ist eine "geschrumpfte, altersschwache Welt" (53) - ( Updike war übrigens z.Zt. der Veröffentlichung so alt wie Ben, auch er ist das zweite Mal verheiratet und lebt in Massachusetts).
Zuerst zu Bens Leben. Mit Gloria verbindet ihn offenbar in erster Linie nur perfekter Sex, man kann sich vorstellen, dass ihre Beziehung in dem Maße erlahmt, wie der Sex erlahmt, vollends jedoch nach seiner Operation. Von Anfang an zeigt sich ein Gegensatz zwischen dem Mann und der Frau: Er ist unpraktisch, in seinem Privatleben eher irrational, gewissermaßen subversiv asozial, mit sich, seinen sexuellen Fantasien und Bedürfnissen sowie einer sehr emotionalen Natursicht beschäftigt, während sie fit, sozial erfolgreich ist und rational handelt. Gloria behandelt ihn nachsichtig wie ein Kind, er mutmaßt von Anfang an und sieht sich am Schluss darin bestätigt, dass es in ihrer Ehe nur um das Überleben des Tüchtigsten geht, von Liebe ist nicht die Rede. Ebenso hat Ben keine wirklichen Freunde, seine Beziehung zu seinen Kindern und Enkeln ist durch Schuldgefühle gekennzeichnet, weil er sich zu sehr nur um sich und zu wenig um sie gekümmert habe. Überhaupt fühlt Ben sich von den Menschen oft geradezu abgestoßen, angeekelt, aber er ist auch einsichtig genug, um zu begreifen, dass er ein Teil von ihnen ist (vgl. 254). Auch seine sexuelle Gier erfüllt ihn gelegentlich mit Schuldgefühlen, obwohl es keine Frage ist, dass er nicht davon lassen mag, weil sie sein Lebenselixir ist.
Das eigentlich Charakteristische dieses Romans ist die visionäre Ausweitung der Weltsicht ins Geschichtliche und Universelle. Es erscheint altersangemessen, dass Ben Turnbull/Updike "gegen Ende der Zeit" die Sinnfrage stellt und Bilanz zieht. Der Erzähler bemüht oft die moderne Physik, um eine Relativierung bzw. Ausweitung seiner Existenz zu erreichen: "Unsere Beobachtung ist beschränkt auf unser eines Universum. Aber, so versichern einige Kosmologen, das System - Teilchen, Messapparat und Beobachter umfassend - bleibt auch in anderen möglichen Erscheinungsformen bestehen, in Paralleluniversen..." (24f.). Entsprechend stellt er z.B. seine fantasierten Erlebnisse mit der Hure Deirdre als wirklich erlebt dar, oder er identifiziert sich mit geschichtlichen Gestalten und erlebt in gleitenden Übergängen die Welt aus ihrer Perspektive: als er mit Deirdre durch sein unheimliches Haus streift, werden sie zu Grabräubern, oder es ergeben sich Parallelen zum Apostel Paulus und einer Thekla, die seiner Botschaft lauschte, als Deirdre einmal anfängt, selbständig zu denken. Oder er wird zum irischen mittelalterlichen Klosterbruder, der unschuldig in seinem Kräutergarten lebt, als er von brandschatzenden Horden heimgesucht wird, ebenso wie Ben die Natur erlebt, und zwar in einer Weise, die geradezu an Goethes Verhältnis zur Natur erinnert: "Ich erkenne jetzt, da es zu spät ist, dass ich der Welt nicht genug Aufmerksamkeit, nicht genug Anerkennung gezollt habe." (360). Und so finden sich immer wieder hingerissene, ausufernde, aber äußerst präzise Beschreibungen von Natur in den verschiedenen Jahreszeiten, was am Schluss überwiegend in einer universellen Vision von Düsternis endet: "Das Meer hat keine Farbe; seine gleichförmige, kaum gekräuselte Oberfläche erscheint wie das getreue Ebenbild der Entropie. Das Firmament hängt schwer, ein Netzgewebe aus matt strahlendem Mörtel zwischen riesigen Wolken, die so formlos und reglos sind wie Pflastersteine. Seuchen befallen das grindige Land..." (393).
Der Ich-Erzähler hält sich nur vordergründig an die platte Wirklichkeit, ständig finden sich philosophische, wissenschaftliche, geschichtliche Vertiefungen, die die Lektüre zu einem geistigen Abenteuer machen. Mit großer poetischer Kraft und stilistischer Brillanz wird die Existenz des Menschen aus der Perspektive eines alternden Mannes beschworen - sie erscheint umso großartiger, je hinfälliger und brüchiger der Held ist, der sie erlebt.