Psychotherapie ist eine Situation in der zwei Menschen
zusammen kommen, von denen einer weniger Angst
hat als der Andere" soll der amerikanische Psychiater
Harry Stack Sullivan einmal geäußert haben.
Ob in Coaching, Beratung oder Therapie: Die Begegnungen
bieten dem Berater immer auch die Möglichkeit, eine
ganze Menge über sich selbst zu erfahren.
Karl König, Lehranalytiker und Leiter des Göttinger Salome-Institutes, widmet sich in seinem Buch der spannenden Frage, wie die Persönlichkeit des Therapeuten die Klientenauswahl, den Therapieprozess und die fachliche Ausrichtung beeinflussen.
Auf den ersten Seiten erinnerte mich seine Typologie an die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann. König erweitert jedoch die Persönlichkeiten, so daß er insgesamt auf acht Strukturen kommt:
1. den schizoiden Typ
2. den narzistischen Typ
3. den depressiven Typ
4. den zwanghaften Typ
5. den phobischen Typ
6. den kontraphobischen Typ
7. den phallisch-narzistischen Typ
8. den hysterischen Typ
Sinnvoll und wichtig ist sein Hinweis, daß es sich hier um Charakterstrukturen handelt, die keine Störung mit Krankheitswert darstellen müssen. Die Typen lassen vielmehr Vermutungen zu, in welchem Umfang der Berater Vertrautes sucht oder Neues kennenlernen möchte. Beides unterstützt die Orientierung in der Beziehung und beeinflusst die Tragfähigkeit.
Von besonderer Bedeutung für den laufenden Beratungsprozess halte ich das Kapitel Therapeutische Situationen, die starke Gefühle beim Therapeuten auslösen können". Stichwörter wie Neid, Rivalität, Eifersucht und Trennung geben praxisnahe Möglichkeiten, die eigenen Anteile am Beratungsprozess zu reflektieren. Dabei wird deutlich, in welch erheblichem Umfang der Berater die Schwerpunkte in der Beratung selbst mit beeinflusst. Und welche Herausforderungen er daher meistern muß, um die Anliegen und Beratungsziele des Klienten immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Gleichzeitig bietet der Berater gerade durch seine eigenen Anteile dem Klienten eine hilfreiche Projektionsfläche. Dazu ist eine ausreichende Selbsterfahrung, Reflektionsfähigkeit und regelmäßige Supervision wichtig. Der narzistische Therapeut wird womöglich weniger Selbstzweifel den Tag legen als der depressiv strukturierte Typ. Vielleicht finden sich in den beratenden Berufen daher eher Menschen, die regelmäßig an sich selbst arbeiten.
Das Buch von Karl König ist auch für Nicht-Akademiker gut lesbar. Notwenige Fachbegriffe werden im Text erläutert, auf überflüssiges Fachchinesisch verzichtet. Anstrengend ist die ständige Wiederholung der acht Charaktertypen. König gliedert sein Buch nicht nach den acht Charakterstrukturen, sondern nach Beratungssituationen. So werden in jedem Kapitel wieder sämtliche Typen durchgespielt, was spätestens auf Seite fünfzig anfängt zu nerven. Auf den ersten Blick wäre es sinnvoller gewesen, das Buch deshalb nach den Typen zu gliedern und dort alle relevanten Muster aufzuführen. So könnte sich der phobisch strukturierte Typ sofort über seine" Besonderheiten informieren.
So einfach ist die Sache allerdings nicht. Beim Lesen fiel mir auf, daß ich nicht durchgängig einem Typus zuzuordnen bin. Arbeite ich im Prozess eher hysterisch", entdecke ich in der Kontaktphase eher depressive Züge an mir. Und in der Dokumentation bin ich eher zwanghaft orientiert. Aus dieser Erfahrung heraus macht es durchaus Sinn, das Buch nach Themen zu ordnen.
Karl König leistet mit seinem Werk einen guten Beitrag in die noch übersichtliche Literatur-Nische der Gegenübertragung. Ratgeber, Selbstshilfe- und Fachbücher gibt es in Hülle und Fülle. Wenn es um die zweitwichtigste Person im Prozess geht, klafft hingegen noch eine beachtliche Lücke. Mein Prädikat daher: Wertvoll !!
Horst Lempart