Poesie ist in ihrer klassischen Form leider sehr aus der Mode gekommen. Immer mal machen neue "Dichter" mit revolutionären Versstrukturen, hackigen Sätzen oder einfach dadurch, dass sie alles klein schreiben (gut, das mache ich auch manchmal :-)), auf sich aufmerksam. Die wahre Kraft eines Gedichtes, seine Entfaltungsmöglichkeiten und die Art, einfach zu bezaubern, habe ich bisher nur selten gefunden. Ein Goethe mag der Weisheit letzter Schluss gewesen sein- allein, er berührt mich selten. Rilke aber vereint auf grandiose Weise Sprachgewalt und Gedankenfeine (wohl ein neues Wort, aber ein sehr passendes). Es sind kleine Schöpfungen wie "Herbsttag", die in ein paar Zeilen so viel Kraft und Gefühl legen, dass man sie nicht einfach nur liest, sondern auch empfindet. Es sind Zeilen wie im "Liebes-Lied", die auf ganz geringem Raum Unglaubliches ausbreiten. Und- paradox- auch deshalb sollten diese Werke so gut in unsere Zeit passen, denn man muss sich nicht einmal die Mühe machen, hunderte von Seiten zu lesen. Man muss nur genau hinschauen- eine Ewigkeit lang.