9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sehr gute Hintergrundinformationen, 19. Oktober 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Gefangenschaft und Heimkehr (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch behandelt auf der Grundlage von Aussagen ehemaliger Kriegsgefangener das Thema Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion während des 2. Weltkrieges. Ich finde, es enthält sehr gute Hintergrundinformationen - auch zu den Themen Russenbild der Deutschen vor und nach dem Krieg, zwischenmenschliches Verhältnis der Deutschen zur russischen Zivilbevölkerung ...
Der Autor streift auch das Thema "Völkerrecht/Kriegsgefangene". Er merkt an, dass in einem Krieg völkerrechtliche Normen realistischerweise nicht immer durchsetzbar sind.
Den Abschnitt über die Gefangennahme fand ich besonders interessant, insbesondere das Kapitel "Töten oder Gefangennehmen?" Was geht in einem Menschen bei der Gefangennahme vor sich?
Fast alle Befragten gaben an, dass ihre Gefangennahme einen lebensgeschichtlichen Wendepunkt für sie darstellt.
Fast aussichtslos waren die Bedingungen für die Frühgefangenen 1941/42 sowie der Gefangenen von Stalingrad Ende 1942 bis Februar 1943. Von ihnen sind vermutlich 90 % an Hunger, Entkräftung und Krankheiten ums Leben gekommen.
Ein ganzer Teilbereich ist dem Thema Hunger gewidmet, den vielen persönlichen Strategien, damit umzugehen.
Das Buch gibt, finde ich, einen guten Einblick in das Leben und den Alltag im Kriegsgefangenenlager; Aufbau, Struktur, soziales Zusammenleben; Beschreibung der Unterkünfte, Ausstattung, die psychologische Situation der Gefangenen.
Die Arbeit der Gefangenen war: Arbeiten zur Versorgung des Lagers (Küche, Bäckerei), überwiegend aber Tätigkeiten jenseits des Stacheldrahtzaunes: Waldarbeiten, Arbeiten in der Landwirtschaft, in Bergwerk und Industriebetrieben, beim Haus-, Straßen- und Wegebau.
Nach 1947 besserte sich die Versorgungslage der Kriegsgefangenen erheblich. 1949, als die Mehrzahl der Gefangenen bereits zu Hause war, erreichten die verbliebenen erstmals Lebensmittelpakete von ihren Angehörigen. Es entwickelte sich ein reger Tausch- und Schwarzhandel.
Ein wesentlicher Teil des Buches befasst sich mit der Situation der Heimkehrer. Besonders viele Spätheimkehrer hatten aufgrund der langjährigen Abwesenheit und der Erfahrung der Gefangenschaft mit massiven Problemen zu kämpfen. Der Autor bespricht diese Probleme im einzelnen, so z.B. die Schwierigkeit der Wiedereingliederung in Beruf und Familie, die Schwierigkeiten mit Frauen, seelische Probleme.
Wichtig erscheint mir folgende Feststellung des Autors:
Bei einer gerechten Einschätzung des Massenschicksals der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion - von 3,2 Mio. in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratene deutsche Soldaten sind etwa 1,1 Mio. in den Lagern an Hunger, Entkräftung oder Krankheiten gestorben - muss man die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion berücksichtigen: Nach dem jahrelangen Krieg auf ihrem Territorium gelang es ihr kaum, die eigene Bevölkerung halbwegs zureichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, geschweige denn die plötzlich hinzugekommenen Hunderttausende ausgemergelter Männer. Als sie später dazu in der Lage war, setzte die Sowjetunion alles daran, die deutschen Gefangenen quantitativ und qualitativ möglichst genauso zu versorgen wie die vom Krieg unmittelbar betroffenen Sowjetbürger.
Wie unmenschlich die Bedingungen auch waren, es lag nicht an einer unmenschlichen Einstellung der sowjetischen Gewahrsamsmacht zu ihren deutschen Gefangenen. Diese Feststellung erhält besonderes Gewicht, wenn die Lebensbedingungen der sowjetischen Gefangenen in deutschen Lagern zum Vergleich herangezogen werden: Hier kamen von 5,7 Mio. Gefangenen 3,3 Mio. ums Leben. Für die Nationalsozialisten waren die sowjetischen Kriegsgefangenen "unnütze Fresser", die auf Kosten der deutschen Zivilbevölkerung durchgefüttert werden mussten. (Sie wurden teilweise mit minderwertigen Lebensmitteln versorgt, einem speziellen "Russenbrot", aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzeln, Zellmehl, Stroh und Laub).
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