Als Geburtsjahrgang 1982 habe ich bewusst nie etwas von der 'aktiven' DDR mitbekommen, auch nicht von der Wiedervereinigung oder vom Mauerfall.
In der Schule gab es das Thema DDR gar nicht, in Filmen wie 'Good Bye, Lenin', 'Sonnenalllee' u.ä. wird das Leben der damaligen DDR-Bürger so dargestellt, dass ich es oftmals als 'filmisch' überzogen gesehen habe, die 'richtigen' Bücher, habe ich bisher nicht gefunden. Alles was ich bisher wusste, hatte ich durch Berichte und Reportagen aus den Medien. Es waren nur selten mir unbekannte Informationen dabei, da die Berichte ausschließlich objektiver Natur waren. Ich wusste, dass es die Stasi gegeben hatte und auch grob, welche Aufgaben und Funktionen sie hatte, aber mit welchen Mitteln sie arbeitete, war mir unbekannt. Natürlich wusste ich von den Überwachungen, Bespitzelungen und Denunzierungen durch Nachbarn, Freunde und Verwandte. Dass ein Staat eine solche Macht über sein Volk hatte, fand ich immer schon bizarr, wuchs ich doch in einer Welt auf, in der es zwar Grenzen und Regeln gab, aber auch immer die Möglichkeit, seine Meinung und Gedanken frei zu äußern. Gleichwohl ich oftmals in einer Diskussion auch mal eines Besseren belehrt wurde.
Das Buch 'Gefangen in Hohenschönhausen' hat mir nun auf sehr nachdrückliche Art und Weise das Leben in der ehemaligen DDR verdeutlicht. Das Buch ist zunächst unterteilt in die 50er, 60er, 70er und 80er Jahre. In den verschiedenen Epochen berichten Menschen, darunter Heinrich George (Vater von Schauspieler Götz George), der Autor Klaus Kordon, die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, u. a. auf unterschiedlichste Art von ihrer Verhaftung und ihrer Zeit in Haft. Heinrich George erzählt in Briefen, die er an seine Frau und Familie schrieb von seinen Gefühlen und Erlebnissen in Hohenschönhausen; Klaus Kordon lässt seine Haftzeit eine andere Person erleben; Vera Lengsfeld erinnert sich in Tagebuchform, wie einige andere auch.
Besonders beeindruckt hat mich die Schilderung von Erica Wallach (Pflegetochter des US-Amerikaners Noel Field), die während ihrer Zeit in Hohenschönhausen Mittel und Wege fand, sich sowohl geistig als auch körperlich fit zu halten, indem sie Gedichte schrieb, obwohl ihr kein Schreibzeug zur Verfügung stand, die aus ihrem Stofftaschentuch ein winziges Schachbrett machte, die jedes Mal, wenn sie in die Freiluftzelle gebracht wurde, Runde um Runde rannte. Diese Dinge gaben ihr die Kraft, die nächtelangen Verhöre besser zu ertragen und sich nicht selbst zu verlieren. Trotz allem beschreibt sie auch Momente, in denen sie an ihre Familie, speziell an ihre Kinder denkt und der Verzweiflung nahe ist.
Für mich war dieses Buch eine Hilfe, mehr und besser zu verstehen, obgleich ich oftmals fassungslos war, wie menschenunwürdig die Gefangenen behandelt wurden. Schikanierungen, Erpressungen und psychische wie physische Folter, das alles lässt mich selbst jetzt noch wütend werden.
Dieses Buch ist sehr zu empfehlen, da es zwar sachlich aber dennoch bewegend die dunkle Seite des Arbeiter- und Bauernstaates beschreibt. Einzig etwas anstrengend sind die vielen Fußnoten, die sich an jedes einzelne Kapitel anfügen, die aber die meist wichtige Erklärung von Namen und Bezeichnungen darstellen.