Man sollte sich den Film nicht wegen der Bettszenen ansehen. Man sieht zwar in der zweiten Hälfte des Films durchaus viel, viel nackte Haut, viele verschiedene Stellungen, sogar mehr als in fast allen anderen Kinofilmen. Wer aber hinter die Oberfläche sieht, wird in den Bettszenen weniger Erotik als viel mehr Traurigkeit sehen. Und selbst wenn die Hauptdarstellerin hier sehr schön anzusehen ist, bei einem auch nur einigermaßen sensiblen Beobachter wird das genannte Gefühl die eigentlich schönen Bilder dominieren.
Aber fangen wir mit dem Beginn der Geschichte an. Es geht um eine Gruppe von jungen Studenten, die - so würden wir heute sagen - eine Terrorgruppe gründen. Zwar stehen sie auf der Seite der Guten, nämlich auf Seiten der Nationalchinesen, die unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gegen die in China einmarschierten Japaner und die chinesischen Kollaborateure kämpfen. Aber dennoch, man kann es nicht anders beschreiben, es geht hier um die gefährliche Mischung aus Fanatismus, Naivität, Gruppendynamik und Nichtwissen, die Menschen zu extremen Mitteln greifen lässt. Eine Handlungsweise, die wir heute nun einmal Terrorismus nennen. Und am Ende muss natürlich nicht das eigentliche Ziel, der kommende Mann der japanfreundlichen Marionettenregierung dran glauben, sondern ein ganz anderes, ungeplantes, vielleicht sogar zufälliges Opfer. Es geht dabei nicht mehr um die Frage, ob die Taten gerechtfertigt sind. Entscheidend ist, dass alle Planungen aus dem Ruder laufen. Und so ist es schnell vorbei mit den großen Idealen und den Aufbruchsjahren und der Jugend der Studenten.
Alle Beteiligten sehen sich erst drei Jahre später wieder. Nicht nur die Studenten, sondern auch der Kollaborateur, das geplante Opfer. Doch alle sind mittlerweile zerstörte Menschen. Am stärksten wird das klar in der Person des mittlerweile zum Minister beförderten Volksfeinds. Und am allerklarsten wird das in den eingangs beschriebenen Bettszenen mit der jungen, schönen Studentin, die ihn in eine Falle locken soll. Ist er im ersten Teil noch eleganter Verführer, der gerade nicht den letzten Schritt macht, ist jetzt bereits die erste sexuelle Begegnung zwischen beiden als Vergewaltigung inszeniert - trotz der Bereitschaft der Studentin, sich nicht nur mit ihm einzulassen sondern ihn sogar aktiv zu verführen. Und es geht so weiter. Diesen Mann, der eine zerstörte Seele und eine zerstörte Sexualität hat, kann kaum noch etwas reizen. Er lässt durchblicken, dass er Menschen foltert, dass er deshalb zu keinen Gefühlen mehr fähig ist. Und man sieht ihn leiden. Selbst im Bett mit einer schönen Frau. Aber auch die andere Seite, die Auftraggeber des geplanten Mordes sind nicht besser. Mitgefühl haben alle Seiten in diesem Krieg längst verloren. Und so muss das alles natürlich am Ende in einer Katastrophe enden.
Spannung bezieht dieses Szenario eigentlich nur aus dem Thema Liebe, das sich ebenfalls durch den Film zieht, auch wenn es oft kaum erkennbar ist. Wird sich die schöne Studentin doch noch in den bösen Minister verlieben? Und ihn dann doch am Ende beschützen statt ihn den Attentätern auszuliefern? Wen verrät sie eigentlich am Ende? Ihren bösen, gewalttätigen Liebhaber, dessen Leidenschaften sie zu befriedigen versucht? Der zumindest im Rahmen seiner beschränkten Möglichkeiten versucht, Gefühle zu zeigen? Oder doch den gut aussehenden Studenten, in den sie sich im ersten Teil des Films verliebt hat, der sie aber permanent für die gute Sache verrät? Aber ist im Krieg überhaupt Raum für ein Gefühl wie Liebe? Muss man sich dagegen nicht sogar wehren?
Die Inszenierung ist natürlich herausragend, wie immer von Ang Lee, dem wir auch "Eissturm", "Das Hochzeitsbankett" und "Tiger and Dragon" verdanken. Man fühlt sich zu Hause im China der 30er und 40er Jahre, wenn man den Film sieht. Großartig ist insbesondere ein Besuch der beiden Hauptpersonen im Viertel der Japaner dargestellt. Es gelingt Ang Lee, die japanischen Invasoren und deren ja auch sehr artifizielle und ausgefeilte, jahrtausendalte Kultur im Vergleich zu China als eine Ansammlung von fremdartigen Barbaren und merkwürdigen Riten erscheinen zu lassen. Ein gutes Beispiel, wie suggestiv die eigentlich unauffälligen Bilder des Films wirken können. Die Haupt- und Nebendarsteller leisten großartiges. Selbst die aus "Twin Peaks" bekannte Joan Chen als gelangweilte Hausfrau weiß zu überzeugen. Die sparsam eingesetzte Musik leistet viel. Der Film enthält wenig Action aber viel Psychologie, die aber nie langweilig wird.
Ein Film, der seine Preise verdient hat.