Mit Mut und analytischer Kraft fasst dieses Buch ein heißes Eisen an, an das viele nach wie vor lieber nicht rühren: an die Widersprüche der deutschen Erinnerungskultur seit den 1960er Jahren, d. h. an ihren moralischen Idealismus, ihre Erstarrung zum Ritual und ihre verborgene Entlastungsfunktion, aber auch an ihr historisches Recht, ihre unhintergehbare Leistung. Dass Ulrike Jureit und Christian Schneider aus einer kritischen, zuweilen polemischen Perspektive über die »Vergangenheitsbewältigung« in diesem Lande schreiben, hindert sie nicht daran, die geschichtliche Notwendigkeit des Kritisierten anzuerkennen, noch wo dieses ihnen aktuell als ein Diskurs entgegentritt, der in sich leer läuft.
Das Buch richtet sich gegen einen etablierten politisch-medialen Common sense und dessen akademische Väter und Vorbilder (Mitscherlich, Adorno, Habermas, Assmann). Es lebt von der Geste des »Eingriffs« in die Verhältnisse und betreibt zugleich doch Theoriekritik. Seine These besagt, deutsche Erinnerungskultur sei im Kern »opferidentifiziert« und von einer »starken generationellen Aufladung« gekennzeichnet. Alles hängt davon ab, dass man versteht, was das heißt.
Zuerst meint »opferidentifizierte Erinnerungskultur« etwas Positives. Die Hinwendung der »zweiten Generation«, der »68er«, zu den Opfern, die Beschäftigung mit ihrem unermesslichen Leid, war ein historischer Schritt in der »Aufarbeitung der Vergangenheit«. Ohne ihn, betont Ulrike Jureit, wäre es nicht möglich gewesen, das Geschehene als einen »Zivilisationsbruch« auszumachen, den das eigene Volk zu verantworten hat. Dieses Engagement hat sich jedoch zu einem »Identifizierungswunsch mit den Opfern« gesteigert. Sich mit jemandem identifizieren heißt, so sein wollen wie er. Der Wunsch freilich, wie die ermordeten Juden zu sein oder stellvertretend für diese zu sprechen, schließt das Phantasma eigener Unschuld mit ein. So entsteht eine »geliehene Identität«, die kraft Anempfindens an die Unschuldigsten der Unschuldigen sich selbst als unschuldig imaginiert und die Täter absolut aus der Erinnerungsgemeinschaft ausschließen muss. Dass wir uns in Deutschland geliehener Identitäten bedienen, wenn wir den Nationalsozialismus erinnern, kehrt zunehmend diese beiden Grundbedeutungen hervor: Wir, die wir gedenken, sind frei von Schuld. Die Täter gehören nicht zu uns. »An deutschen Gedenkorten bleiben die Unschuldigen unter sich« resümiert Jureit trocken den Festakt zur Einweihung des Berliner Holocaust-Mahnmals: »Sechs Millionen Juden werden [...] nicht als Opfer des von Deutschen verübten Massenmords erinnert, sondern als eigene Tote rituell vereinnahmt.«
Für die »zweite Generation« war die Identifikation mit den Opfern ursprünglich eine sinnvolle Möglichkeit, der von den Eltern tradierten Gewaltgeschichte zu begegnen und einer verbreiteten Verleugnungsstrategie entgegen zu treten. Heute ist sie zu einer Pose erstarrt, die mit dem Berliner Mahnmal materiell wie normativ in Beton gegossen scheint - ein Deutungsmonopol, aus ew'gem Stein erbauet. Jureits Kritik gilt nicht dem subversiven Zug des Erinnerns, sondern einer Gedenkkultur, die sich den widersprüchlichen und emotional ambivalenten Anteilen von Erinnerung kaum stellt, vielmehr ein auf Identifikation und Versöhnung ausgerichtetes Gedenken in den Mittelpunkt rückt. Richard von Weizsäckers berühmte und verdienstvolle Rede ist dafür beispielhaft: Indem sie dem säkularen System der Vergangenheitsbearbeitung ein religiöses Heilsversprechen beimischt, gibt sie unterschwellig als Botschaft aus: Wer nur intensiv genug an die deutschen Massenverbrechen erinnert, darf auf Erlösung von der überlieferten Schuld hoffen. Gegen diese Neuauflage römischen Ablasshandels artikulieren Jureit und Schneider gleichsam das reformatorische Nein. Für sie erweist sich der deutsche Erinnerungskult selbst als eine Gestalt des Vergessens. Diese These wäre noch überzeugender, hätte man nicht darauf verzichtet, ihre begrifflichen Prämissen zu analysieren und den vermeintlichen Gegensatz von Erinnern und Vergessen aufzulösen.
Christian Schneiders Skizze einer psychoanalytischen Theorie der Trauer ist von einer Art, die Lust auf mehr macht. Mit einer Kritik der Mitscherlichs setzt sie ein. Deren berühmtes Buch Unfähigkeit zu trauern trat 1967 mit dem Anspruch auf, die deutsche Seelenlage nach Hitler auf den psychoanalytischen Begriff zu bringen. Sein Erfolg aber beruhte nicht auf einer Reflexion des Trauerbegriffs, sondern auf einem überschaubaren Deutungsangebot für den Zustand der Nachkriegsrepublik: »Erfolgreich war eine moralisch unterfütterte Parole, die sich in den Mantel einer klinischen Diagnose hüllte.« Schneider zeigt drei Dinge. Erstens verkennt die Ineinssetzung von Trauer und Erinnerung bei den Mitscherlichs den »lytischen«, d. h. Erinnerung auflösenden Sinn von Trauer bei Freud. Trauer ist ein Verhalten im Umgang mit Verlust und Trennung - zumal in der Unterscheidung von Leben und Tod. Zweitens wird mit ihr eine auf den Holocaust in toto nicht anwendbare Kategorie eingeführt und diese damit zugleich metaphorisiert und inflationiert. Gerade dies hat - drittens - damals zu dem gewünschten offiziösen Moralergebnis geführt, ist doch »die Unfähigkeit zu trauern« als Parole sukzessiv zur Basis deutscher Erinnerungskultur geworden.
In der Frage, ob Trauer nicht doch eine Rolle bei der »Aufarbeitung« der deutschen Gewaltgeschichte spielen kann, bleibt Schneider am Ende mit den Mitscherlichs solidarisch. Sein Modell von Trauer aber setzt auf die Verendlichung und Individualisierung des Gedenkens und den Unterschied von Existenz und kollektiver Geschichte. Von den vielen interessanten Autoren, mit denen er sich dabei auseinandersetzt, ist Norbert Elias, der im deutschen Vergangenheitsdiskurs bislang überhaupt keine Rolle gespielt hat, eine echte Entdeckung.
Das Buch insgesamt ist wichtig. Und verdient eine intensive Diskussion.