Um es gleich vorweg zu sagen, mir gefällt dieses Buch. Es ist ein Lehrbuch - ganz sicher, ein Methodenbuch - vielseitig und anregend allemal, ein Theoriebuch - nicht zuletzt, auch wenn die 100 Seiten, die mit „Theorie" überschrieben sind, ganz am Ende des Buches stehen. Vor allem aber ist es ein Lesebuch, in dem ich mit Spaß und Erkenntnis schmökern kann, das mich auf jeder Seite anregt zu eigenen Assoziationen und Ideen. Man kann dieses Buch mit Nutzen von vorne nach hinten lesen, man kann es aber auch irgendwo aufschlagen, man beginnt zu lesen und fühlt sich gefesselt.
Baer schreibt flüssig. Er wählt bevorzugt einfache Begriffe in dem ausdrücklich begründeten Bemühen, sich auch für KlientInnen verständlich auszudrücken. Überhaupt ist unbedingter Respekt vor den Klienten zentrales Anliegen von Udo Baer und durchgängig zu spüren. Dies ist eine wohltuende Stärke dieses Buches. „Klientenkompetenz" ist einer der wichtigen Begriffe. Baer setzt ihn in Kontrast zum „besserwissenden Therapeuten", der nur neue Abhängigkeiten schaffe.
Auch wenn es das Inhaltsverzeichnis nahe legt: Theorie und Praxis sind bei Baer nicht getrennt. In den Kapiteln, die vor allem den Methoden gewidmet sind, findet man immer wieder auch theoretische Erläuterungen und in dem Theorie-Abschnitt praktische Beispiele. Es ist nicht zuletzt diese Verzahnung, die die Lektüre so angenehm macht. Schwammig wird die Darstellung dadurch keinesfalls. Wörtlich zitierte Gegenrede von KlientIn und TherapeutIn in der aufzählenden Form „Th: sagt dieses , Kl: sagt jenes", vermeidet Baer vollkommen. Direkte Rede wechselt mit Beobachtungen und wird ergänzt durch die beabsichtigten Intentionen. Nicht nur die Antwort, sondern auch das Verhalten des Klienten und die Reflexionen des Therapeuten sind der Beschreibung wert. Gerade diese Mischung der verschiedenen Ebenen des Prozesses lässt die Therapiesequenzen lebendig werden.
In dem Buch findet sich kein umfangreicher „Nachschlage-Katalog" von Methoden. Die beschriebenen Modelle sind in Kapiteln geordnet, die sich zum Teil an der Methodik (z.B. „Kleckerbilder") zum Teil an den therapeutischen Intentionen (z.B. „Verwandlungen und Prozesse") orientieren. Inhaltverzeichnis und Seitenüberschriften verweisen auf einzelne Übungen, und beim schnellen Nachschlagen hilft, dass die Handlungsanweisungen zu den Modellen meist in direkter Rede formuliert und kursiv gesetzt sind. Und dann findet man darüber hinaus eben Angaben zum theoretischen Hintergrund, Ausschnitte aus praktischen Therapiesequenzen, Hinweise, was inhaltlich oder technisch zu beachten ist, Anregungen zur weiteren Arbeit oder alternativen Verläufen. Dadurch werden die Übungen sehr plastisch und nachvollziehbar. Und die Möglichkeit einer eigenen Anpassung an ein anderes Szenarium erscheint immer mit intendiert.
Die Handlungsanweisungen zu den Übungen selbst sind knapp und präzise formuliert, aber oft um die wichtigen Kleinigkeiten ergänzt, die mögliche Störungen reduzieren oder den Patienten Wahlmöglichkeiten aufzeigen und Druck wegnehmen. Hier erkennt man die große Erfahrung von Udo Baer. Und hier bekommt man unmittelbares Handwerkszeug angeboten. Gefallen hat mir auch, dass er immer wieder Gedanken einbringt, wie ein niederschwelliger Einstieg in Übungen möglich ist (z.B. mit Kleckerbildern) oder wie schutzwürdige Interessen des Patienten geschützt bleiben und trotzdem bearbeitet werden können (z.B. ein Geheimnis mit weißer Farbe auf weißem Grund malen, so dass man mehr spürt als sieht). Auch hier erkenne ich viel Respekt vor dem Gegenüber.
Das Tun in der Gestaltung, der Prozess, und der verbale Austausch über das Produkt sind für Baer gleichwertig. Den kreativen Prozess nur als Vorstufe zur anschließenden Interpretation zu sehen, würde ebenso viel Potential verschenken, wie der Verzicht auf ein anschließendes Gespräch über das „Produkt". Häufig schlägt Baer einen Dreischritt bei der Auswertung vor: Das „Feedback", die Rückmeldung der Beobachtungen, die der Therapeut während des Gestaltens gemacht hat („An dieser Stelle des Bildes hat Dein Atem gestockt"), das „Sharing", der Austausch über die Reaktionen, die das Werk beim Klienten und beim Therapeuten auslöst, und zum Ende eine offene Frage, die den Klienten veranlasst, sich weiter mit dem Bild zu beschäftigen.
Baer beginnt das Buch mit den Worten: „Therapie ist Kunst". Und eben nicht Wissenschaft. Baer betont den Vorrang der Praxis. Theorie beschreibt er als Landkarte, die man benutzt, so lange sie zur Wegfindung hilfreich ist, aber beiseite legen sollte, wenn man sich vor Ort besser orientieren kann. Baer nennt die Gestalttherapie seine wichtigste Quelle und bleibt im Menschenbild und Therapieansatz auch dicht an deren Grundannahmen. Er scheut sich freilich auch hier nicht, die eine oder andere begriffliche Vereinfachung vorzunehmen. An anderer Stelle ergeben sich - vielleicht aus der speziellen Sicht der Kunst- und Gestaltungstherapie - Differenzierungen. Neu führt er z.B. den (nicht ganz so schlichten) Begriff „Tridentität" ein, mit dem er drei Grundaspekte von Kommunikation und Therapie beschreibt: „Nähren", „Spiegeln" und „Gegenüber". Mit diesen Faktoren haben andere Menschen Einfluss auf die Identitätsentwicklung des Einzelnen. Assoziationen an die „Vier Wege des Heilens" nach Petzold drängen sich auf.
Unmittelbar aus der gestaltungstherapeutischen Erfahrung erwächst die Bedeutung, die er der „Imagination" in einem eigenen Abschnitt zumisst. „Imaginationen" sind danach ein besonderer Bestandteil der allgemeinen menschlichen Fähigkeit, kreativ zu sein. Der Mensch kann sich ein Bild machen. Das geschieht ständig bewusst und unbewusst (z.B. als innere Antwort auf einen Begriff wie „Feuer"). Baer arbeitet vier Aspekte heraus, die Imaginationen für Veränderungsprozesse so wichtig machen: 1) Menschen können ganz neue Imaginationen erschaffen (als Produkt des Leibes). Daraus entsteht die Chance, innere und äußere Bilder zu gestalten und sie damit auch zu verändern. 2) In Imaginationen können Menschen in die Vergangenheit und in die Zukunft gehen oder an Orte (z.B. ins Innere des Körpers), die der direkten Beobachtung nicht zugänglich sind. Und Bilder, die ich mir mache, beeinflussen mein Verhalten. Damit ist schon der 3) Aspekt angedeutet: Zuerst kommt das Bild und dann die Tat (zuerst die Vorstellung einer Brücke über den Fluss und dann die Bautätigkeit). Imagination einer Veränderung ist die Voraussetzung einer realen Veränderung. Und 4) ist Sprache ohne Imaginationen nicht denkbar. Erst durch die inneren Bilder, die Sprache erzeugt, ist Verständigung möglich, wird Literatur oder Kommunikation lebendig. Und eben wegen dieser Bedeutung der „Imaginationen" ist es sinnvoll, sie in gestaltungstherapeutischen Prozessen nach außen sichtbar werden zu lassen.