Dem Autorenduo Ciompi/Endert ist ein interessantes Buch gelungen. Denken und Fühlen werden hier bewusst gemeinsam betrachtet. Und das ist auch sehr notwendig. Oft werden Denken und Fühlen voneinander als zwei getrennte Sphären gesehen. Die Wirklichkeit aber sieht anders aus. Da mischen sich diese beiden Bereiche und sie beeinflussen sich gegenseitig.
Nach grundlegenden Erwägungen und Definitionen zum Thema, was ist Affektologie, was ist ein Gefühl, eine Emotion, ein Affekt, massenpsychologische Erkenntnisse, usw., werden konkrete Phänomene besprochen:
-Hitler und der Nationalsozialismus: Hierbei handelt es sich um ein Schulbeispiel gegenseitiger emotionaler Beeinflussung. Die Begeisterungsfähigkeit Hitlers löst eine fanatische Verehrung seiner Person aus und verwandelt sich mit zunehmenden Erfolgen in einen regelrechten religiösen Kult durch sein Volk. Hitlers Massenpsychologisches Talent befähigt ihn, Massenstimmungen zu nutzen und in zündende Schlagworte umzusetzen. Hass, Aggression, extreme Selbstüberhöhung führen Hitler und die Deutschen in eine unvorstellbare Katastrophe. Der Nationalsozialismus ist eine Extremerscheinung kollektiver Aggressivität.
-Der Israel-Palästina-Konflikt: Tief eingegrabene Fühl-und Denkbahnen bestimmen hier die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Beiden Seiten haben blinde Flecken im Zentrum ihrer kollektiven Eigenwelten. Notwendig für eine Lösung des Konflikts ist die Vermeidung all dessen, was spannungserhöhend wirkt (neue Siedlungen, Mauerbau, Raketenbeschuss, Terrorakte usw.), sodann geht es um gezielte vertrauensbildende Massnahmen (Kontakte, Gespräche, gemeinsame Veranstaltungen). Dabei bedarf es eines starken vermittelnden Dritten. Allerdings gibt es für diesen Weg gewaltige Schwierigkeiten, wie die Autoren es selbst eingestehen müssen.
-Der Islam und der Westen: Jahrhunderte lange Konflikte, Feindbilder und Vorurteile blockieren auch hier oft das Miteinander. Extremisten treiben dabei bewusst eine gefährliche Emotionsspirale an.
Nach diesen drei Schwerpunktbeispielen werden die wichtigen gemeinschaftsbildenden Wirkungen von positiven Gefühlen betrachtet. Im darauffolgenden Kapitel geht es um ein neues Menschenbild.
Schliesslich werden praktische Konsequenzen gezogen.
Unbeabsichtigte wie unkontrollierbare Folgeschäden scheinbar rationalen Handelns können nur durch Bewusstwerdeung und Anerkennung der daran beteiligten Emotionen in Grenzen gehalten werden. Man überlege sich zum Beispiel, was das für 9/11 bedeutet!
In jedem Fall erhält man nach der Lektüre dieses konzentriert und auf wissenschaftlichem Niveau geschriebenen Buches eine interessante Sicht auf die Geschichte, auf gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen. Dies ist ein kluges, nicht ganz einfaches Buch, dessen Studium ich für jeden ausdauernden Leser nur empfehlen kann.