Außergewöhnlich für mich ist es, die schriftliche Aufzeichnung eines Gesprächs zu lesen, das vierzig Stunden dauerte und nun über 300 Seiten umfasst. Kommt hinzu, dass es ja kein literarischer Text ist, den ich mir als lebendiges Theater mit zahlreichen handelnden Figuren vorstellen kann. Warum ich mich dennoch so intensiv auf diesen Dialog einließ und sein Ende beinahe bedauerte, liegt eindeutig an den Gesprächspartnern. Ich spreche absichtlich in der Mehrzahl, weil für mich die Person von Paul Ekman mindestens ebenso wichtig ist wie die des Dalai Lama. Denn da ich mich mit den Arbeiten des berühmten Emotionsforschers seit gut zwanzig Jahren beschäftige, kannte ich sein Denken, seine Widersprüchlichkeiten und zum Teil sogar seine persönlichen Schwachpunkte, auf die er zum Schluss der Buches noch eingeht. Kommt hinzu, dass sich unter den Persönlichkeiten im weiten Bereich der Religionswissenschaften niemand findet, der sich so intensiv mit naturwissenschaftlichen Fragen im Allgemeinen und Neurologie im Besonderen auseinandersetzt wie der Dalai Lama.
Würde das Buch in einer Audiofassung vorliegen, hätte ich mich für diese Form der Vermittlung entschieden, sofern die ausgewählten Sprecher auf der Höhe einer solchen Aufgabe wären. Glücklicherweise wurde jeweils angemerkt, wann der Dalai Lama lachte, was überdurchschnittlich oft der Fall war. Und sogar, dass Paul Ekman beim Abschied weinte, erfahren wir durch diese Szenenanmerkungen, von denen ich mir noch mehr gewünscht hätte. Interessant fand ich auch die Hinweise, wann der Dalai Lama tibetanisch und wann englisch sprach. Zudem werden die Dialoge durch Kästchen unterbrochen, die Informationen enthalten, welche es dem Leser einfacher machen, die Gespräche in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Und um die Lektüre eines so langen Dialogs zusätzlich zu erleichtern, bringen sieben Kapitel eine meist nachvollziehbare Ordnung in die Gedankenwelten der beiden prominenten Gesprächspartner. Und dennoch, wie ein Roman oder ein gut strukturiertes Sachbuch liest sich das Ganze doch nicht.
Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Leser einen anderen Zugang zu diesen Gesprächen hat. Bei mir lag der Fokus klar auf meiner Neugier für neurowissenschaftliche Fragestellungen. Wo gibt es Verbindungen zwischen den Forschungsarbeiten von Paul Ekman und dem Weltbild des Dalai Lama? Wie gehen die beiden mit Widersprüchlichkeiten um? Welche Lücken in den wissenschaftlichen Modellen der Emotionsforschung deckt der Dalai Lama mit seinen Fragen und Antworten auf? Wo muss Paul Ekman erneut über die Bücher. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, waren die sehr persönlichen Aspekte gegen den Schluss des Buches. Die Passagen, in denen Paul Ekman über seine Kindheit, seine Verletzungen und seine späte Heilung spricht, sind berührend und außergewöhnlich zugleich.
Mein Fazit: Wem es keine Schwierigkeiten macht, den schriftlichen Aufzeichnungen eines so langen Gesprächs zu folgen, sollte sich dieses Buch unbedingt anschaffen. Voraussetzung ist allerdings ein starkes Interesse für Fragen der Neurowissenschaften und der Emotionspsychologie, zu deren renommierten Vertretern der inzwischen eremitierte Paul Ekman gehört. Ob die intensive Lektüre beim Leser ähnlich starke Gefühle und Veränderungen auslösen wie es Paul Ekman im Zusammensein mit dem Dalai Lama erlebte, weiss ich nicht. Aber wer den Gesprächen dieser faszinierenden Persönlichkeiten aufmerksam folgt, wird in Zukunft wohl ein differenzierteres Menschenbild haben als bisher.