Nun, es gibt ja Stimmen in der Republik - in dieser unserer heutigen, 2. Berliner Republik (die DDR war die 3., die Weimarer die 1.) - diese Stimmen sagen: Jene, die damals - also vor 20 Jahren das Sagen in der DDR hatten und noch leben - die sollen doch endlich mal lernen, dass nun eigtl alles besser ist als es in der DDR war und - und das unterschreibt man gerne mit grossen Lettern in der Presse: Betonköpfe, Ewiggestrige, sollen doch endlich ruhig sein oder eben ein Einsehen haben.
Egon Krenz tut dies nicht. Egon Krenz lebt in einer kleinen Hütte mit seiner Frau am Meer und ist heute alles andere als ein "Bonze". Und er hat ein Anliegen. Nicht zu schweigen, sondern in zeitgeschichtlicher Aufarbeitung seine Sicht der Dinge und der Umstände deutlich zu machen. Dafür hat er kein Podium in Form einer Talkshow, keine Kolumne in der BILD und auch keine unzensierten Interviews im Rundfunk.
Er gilt schliesslich als Ewiggestriger, und über dieses Gestern solle er doch bitte schweigen.
Dies tut er nicht, und es ist schlussendlich in diesem Buch für mich eines deutlich geworden: Geschichte lebt von Geschichten.
Ich habe Gerhard Schröder gelesen, ich habe Oskar Lafontaine gelesen, ich habe Rochus Misch gelesen. Und nun Egon Krenz.
Ich habe das Buch verschlungen, weil ich diesem Mann glaube, weil er nichts zu verlieren hat, was er nicht schon verloren hätte.
Haus & Hof, Amt & Geld, Würde & ...den Anstand sich zu Wort zu melden, in dieser Zeit wo die Wirtschaftskrise andere Opfer kennt. Es geht nicht mehr um eine Freiheit in der man zwar Reisen könnte, aber viele nicht können.
Es geht nicht mehr um Meinungsfreiheit in einer Gesellschaft in der Meinungsmache mit Meinungsmasse einhergeht.
Es gibt zwei kritische Sätze von mir zu diesem Buch: Es fehlt die solidarische Hand mit denen die damals Opfer waren. Bert Brecht hat einmal geschrieben, die nachkommenden Generationen mögen die Freundschaft pflegen zu denen die Menschen in der Nachkriegszeit nicht imstande sein wollten und konnten und ihrer dann gedenken.
Ich denke es ist nicht damit getan, etwas zu bereuen. Es hilft vielmehr jemanden verstehen zu lernen und dadurch vom Sitz des Richters auf den des interessierten Lesers zu rutschen. In diesem Sinne hat mich das Buch gefesselt, und so empfehle ich es zu lesen: was hätte Ich getan, mit soviel Macht ausgestattet und doch Grenzen erfahren müssen. Dabei und bei der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung hat mir das Buch geholfen. Es half mir die Zusammenhänge mit der Sicht eines jetzt 71 jährigen für die damaligen Verhältnisse besser einzuordnen. Es löst bei mir einen ganz anderen neuen Gedanken aus: ob Gefängnis nicht ein Relikt aus einer viel dunkleren Zeit sein sollte und Isolationshaft, wie noch heute betrieben nicht auch eine Form der Folter darstellt. Gefängnis - ob nun Bautzen 1988 oder Berlin 2001- alles macht den Menschen klein und eine Genugtuung, dass E Krenz nun sitzen musste kann ich nicht verspüren. Er war nur einer von 16 Millionen, Opfer wie Täter auch. Ich kann das Buch daher empfehlen - bei mir hat es Klick gemacht.