Bis zur Hälfte hätte "Gefährliches Landleben" von mir glatte fünf Sterne bekommen. Danach - und ich gebe absolut zu, dass das ein subjektives Kriterium ist - war mir zu viel Spektakel und zu wenig Spektakuläres, vor allem in der Auflösung. Ich bin wohl zu sehr Agatha-Christie-geeicht und erwarte ihre raffinierten Tat/Täter/Motiv-Konstrukte auch bei anderen Autoren. Dabei geht Margery Allingham die Sache ganz anders an. Auch bei ihr gibt es die mysteriöse Ausgangslage - der Richter, dem ein omnipotenter Mega-Gauner seine Bande auf den Hals hetzt, um das Geheimnis seiner Identität zu wahren, muss von Allinghams Serien-Detektiv Albert Campion beschützt werden - und die zum Mitraten einladenden Ereignisse und Requisiten. Ganz hübsch gelingt ihr ein Rätsel, bei dem vom verstorbenen Pfarrer ein Haufen verwirrender Dinge bzw. Botschaften hinterlassen werden. Aber Allingham mag es offensichtlich nicht, ihre Leser wie weiland Dame Agatha aufs Kreuz zu legen. Alle Ingredienzen, die zum Handwerkszeug des detection novel - Verfassers gehören, beherrscht sie auch, aber die Antworten auf alle Fragen, die sie dem Leser stellt, sind verblüffend - übersetze hier: enttäuschend - einfach.
Dennoch fügt Allingham dem Genre auch etwas Eigenes hinzu. Da ist einmal die höchst exzentrische Hauptfigur Albert Campion. Der Name ist nur ein Pseudonym; es wird eine Herkunft aus höchsten Adelskreisen angedeutet, Bekannte finden sich unter höchst zwielichtigen Gestalten und Mr Campion selbst besitzt ein verhältnismäßig komplexes Innenleben, das Allingham in der exzentrischen Form der Campion'schen Kommunikation andeutet und sonst durch die Beschreibung von Gesten oder Blicken recht geschickt artikuliert. Damit unterscheidet er sich deutlich von Schnüffelkameraden wie Christies Hercule Poirot oder Dorothy Sayers' Lord Peter Wimsey, der immerhin auch ein Psychoprofil verpasst bekommt. Mit Campion muss man erst einmal warm werden, und trotz meiner Befremdung rechne ich es Allingham hoch an, ihrem Protagonisten derart eigenwillige Züge verliehen zu haben.
Ein weiteres Plus ihrer Campion-Romane besteht darin, dass Allingham in ihren Geschichten einen für die teils recht gemütlichen "Häkelkrimis" der alten englischen Schule ungetrübten Blick auf die Realität wirft. Der Zustand der Leiche eines Selbstmörders zum Beispiel wird ungeschminkt in seiner ganzen Unschönheit beschrieben, und auch sonst ist der Ton eindeutig rauher als bei ihren Krimi-Kolleginnen.
Viel auf der Habenseite - warum also nur drei Sterne? Wie gesagt, zum einen und vielleicht vor allem anderen dringt da bei mir die Christie-Sozialisation durch. Allinghams Krimis beginnen immer vielversprechend und kippen irgendwann in nahezu reinen Aktionismus; irgend jemand muss befreit werden und auch sonst bewegt sich der Kilometerzähler. Allingham gibt alles peu à peu preis, nicht wie zum Beispiel Christie in ihren obligatorischen "the truth revealed" - Sequenzen am Ende der Stories. Die eine wuchert mit ihren Pfunden, die andere erzählt sich einfach durch. Mir gefällt ersteres eindeutig besser. Eins muss man Allingham aber zugestehen: Sie ist gegenüber Christie die versiertere Erzählerin; so wechselt etwa des öfteren die Erzählperspektive (aber auch das bedeutet natürlich die Preisgabe mancher Asse, die sich Christie in der Hinterhalt behalten hätte) und überhaupt bemüht sich Allingham, dem dürren Krimiplot dramaturgisches Fleisch auf die Rippen zu schneidern. Wieder die Betrachtung von der anderen Seite: Christie hätte das gar nicht nötig gehabt, weil die raffinierten Mordgeschichten als Substanz die ganze Handlung allein tragen können.
Das war jetzt eine etwas längere Auseinandersetzung, und der Vergleich zwischen einzelnen Autoren erscheint auch mir nicht ganz fair. Hauptsächlich um der Drei-Sterne-Begründung willen sei es mir aber für dieses Mal verziehen. Ich gebe die Hoffnung mit Allingham noch nicht auf, zumal ihre Geschichten keineswegs schlechter Lesestoff sind. Vielleicht wird es ja eine Liebe auf den dritten oder vierten Blick.