Amazon.de-Hörbuchrezension
Der adelige Autor, der eine Laufbahn in der Armee eingeschlagen hatte -- wo er die Vorbilder für seinen Roman fand --, bekräftigt in seinem unvollendeten Essay die Gleichheit von Frau und Mann. Dies spiegelt sich auch in seiner Hauptfigur, der Marquise de Merteuil (gesprochen von Renate Schroeter), wider: "Geboren, um ihr Geschlecht von der Sklaverei zu befreien, auf die die Männer sie beschränken", um ihr Geschlecht zu rächen. Valmont (Christoph Bantzer) wiederum hat "um gefahrlos grausam und böse zu sein, die Frauen als Opfer gewählt" -- und will sein Geschlecht nicht verteidigen, sondern von ihm profitieren... Und so zum Beispiel die schöne Mademoiselle Volanges (Sunnyi Melles) erobern.
Das Hörspiel setzt den Roman auf verständliche und angenehme Weise um, nach dem Original in Briefform. Wer nur die beiden Kinofassungen des Stoffes kennt, wird Neues entdecken. Dazu Barockmusik im Hintergrund, die allerdings in gängigen Klischees verharrt.
Nach dem Buch und den Verfilmungen ist die Vertonung jedoch eine originelle und entspannende Art, dieses Meisterwerk der Weltliteratur, das im ansprechenden Booklet kurz erläutert wird, authentisch zu entdecken. Das Audiobook ist optisch besonders liebevoll aufgemacht, mit einem stilvollen, schwarzen Karton und dem -- ebenfalls weltbekannten -- Cover der Verfilmung mit Glenn Close und John Malkovich. Auch als Geschenk sehr gut geeignet. Spieldauer: 180 min, 2 Kassetten
--Isabelle Majois
Buch der 1000 Bücher
Gefährliche Liebschaften
OT Les liaisons dangereuses OA 1782 DE 1783Form Briefroman Epoche Aufklärung
Choderlos de Laclos schildert im Briefroman die Machenschaften der Libertins, skrupelloser Verführer in den aristokratischen Salons des Ancien Régime. In einer Gesellschaft, die annimmt, alles menschliche Verhalten sei logisch und gesetzmäßig, also rational erfassbar, systematisieren sie ihre Intrigen und Verführungskünste zum eigenen Nutzen. Als Wissenschaftler der Erotik führen sie psychologische Experimente durch. Der Roman gehört einer antirationalistischen Strömung des späten 18. Jahrhunderts an und entwirft ein zynisches Bild einer nur noch instrumentalisierten Vernunft.
Inhalt: Die Sittsamkeit mimende Marquise von Merteuil will sich an ihrem ehemaligen Geliebten Gercourt rächen. Der Vicomte von Valmont, auch ein ehemaliger Liebhaber, soll ihr helfen, indem er Gercourts naive Braut Céline verführt. Valmont will jedoch die keusche und tugendhafte Frau von Tourvel erobern. Merteuil wählt den jungen Chevalier Danceny für Céline. Die beiden verlieben sich. Als Célines Mutter Valmont bei Tourvel verleumdet, geht Valmont auf den Plan der Marquise ein und verführt Céline. Frau von Tourvel vernachlässigt er nicht; nach langem Sträuben gibt sie ihm nach. Die Marquise sieht in Valmonts Verhältnis zu seiner neuen Eroberung Gefühlsduselei, es kommt zum Bruch. Valmont spielt Danceny gegen die Marquise aus; sie gibt diesem die Briefe des Vicomte. Nach dem Duell gibt der sterbende Valmont Dancey seinen Briefwechsel mit der Marquise. Sie wird geächtet und flieht von den Blattern gezeichnet nach Holland.
Aufbau: Der Roman besteht aus Briefwechseln der beiden Libertins Valmont und Merteuil sowie der an ihrem Experiment Beteiligten. Die Ereignisse und Personen werden von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und die Methode der erotischen Manipulation enthüllt. Die Libertins beherrschen die Etikette der höfischen Gesellschaft und ahmen, je nach Empfänger ihrer Briefe, deren Sprache nach. Durch die gemischte Reihenfolge der Schreiben werden dem Leser Täuschungsmanöver und Zweideutigkeiten offen gelegt; selbst Charaktertypen wie die Tugendhafte (Tourvel) und die Naive (Céline) erscheinen neben den Libertins nicht authentisch. Choderlos de Laclos hat seine Libertins komplex entworfen. Ihr Genuss ist rein intellektueller Art. Sie reduzieren Liebe auf eine Technik der Verführung, ihre Opfer auf Objekte und somit auch sich selbst. Ihr Erkenntnisdrang ist selbstzerstörerisch. Der Autor stellt dem Roman zwei Vorworte voran, die sich widersprüchlich mit der Authentizität der Briefe auseinander setzen. Mancher Leser mag sich die Frage stellen, ob nicht auch er vom Autor »verführt« wird.
Wirkung: Wegen seiner moralischen Unklarheit löste der Roman bei der Veröffentlichung einen Skandal aus. Lange galt er vorrangig als moralisch verwerflich. 1979 wurde er in die »Bibliothèque de la Pléade« aufgenommen. Gefährliche Liebschaften wurde mehrfach verfilmt, darunter von Roger Vadim (1959), Stephen Frears (1989) und Milos Forman (1990). R. S.
