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Jetzt taucht sie wieder auf, die hundertprozentige Frau: Sie hört auf den Namen Shimamoto und wird sich im Laufe des Romans mehr und mehr als Gefährliche Geliebte erweisen. Vorerst aber ist sie ein zwölfjähriges Mädchen "mit ausdrucksvollen Gesichtszügen" und einem steifen linken Bein; und diese Spätfolge einer Kinderlähmung kann Haruki Murakami eben wirklich so beschreiben, als ob Gehfehler von jeher der Inbegriff der Erotik wären!
Shimamoto also ist die erste Liebe des Ich-Erzählers Hajime: Gemeinsam bestreiten sie den leidigen Schulweg und führen sich Nat King Cole und Bing Crosby aus der elterlichen Plattensammlung zu Gemüte. Ein Mal hält -- es ist dies der unerhörteste Moment jener unschuldigen Kinderliebe -- Shimamoto für zehn Sekunden Hajimes Hand; und so etwas bleibt, nachdem man sich längst aus den Augen verloren hat, ja dann immer als tiefe Sehnsucht gegenwärtig.
Erst an der Schwelle zur Midlife-Crisis treffen die beiden sich wieder: Hajime ist inzwischen ein glücklich verheirateter Familienvater und Inhaber zweier gepflegter Jazz-Bars; er hat sich in einer -- sagen wir: achtzigprozentigen -- Realität eingerichtet, und Shimamoto rüttelt nachhaltig am Fundament. Dabei bleibt sie ein vollendetes Mysterium, was sich vor allem darin äußert, dass sie bei nahezu jedem Auftritt -- und für meinen Geschmack eben etwas zu oft -- vielsagend lächelt.
Ansonsten aber hat Murakami das allgegenwärtige gedankliche Kreisen um verpasste Gelegenheiten, um die hundertprozentige Leidenschaft und die so viel weniger anstrengende Durchschnittsrealität in gewohnter Meisterschaft -- subtil und überaus fesselnd -- erzählt. --Christine Wahl -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Ein Liebesroman von Haruki Murakami
Auf vieles war man als Neueinsteiger gefasst beim postmodernen japanischen Enfant terrible Haruki Murakami nur nicht auf einen Liebesroman im internationalen Frauenzeitschriften-Format. Zugegeben, man verschlingt das Buch in einem Zug, um zu erfahren, ob denn der Ich-Erzähler Hajime seine verlorene Kinderliebe Shimamoto nach vielen desolaten Affären und einer glücklichen Ehe zuletzt doch noch bekommt. Wie Brüderchen und Schwesterchen Mann und Frau werden: diese archetypische Geschichte wird in «Gefährliche Geliebte» (1992) quasi basismodellhaft nacherzählt. Mit gutbürgerlicher Vorstadtbanalität geschlagen ist Hajime, was ihm zunächst eine Büroexistenz und dann immerhin ein Baulöwe als Schwiegervater macht's möglich eine Karriere als mondäner Tokioter Barbesitzer beschert. Shimamoto wiederum verkörpert das Geheimnisvoll-Exzentrische als Prinzip, so dass zunächst zwar eine leichte Gehbehinderung (Kinderlähmung), später aber weder der Tod ihres Kindes noch eine tückische Krankheit, weder ihr Reichtum noch ihre Unstetigkeit eine Erklärung finden. Wirklich klar wird eigentlich nur der Tarif, den sie Hajime diktiert: «Bei mir gibt es kein Dazwischen, keine Halbheiten. Du nimmst mich entweder ganz oder gar nicht. So läuft das bei mir.»
Glaubt man dem Autor, so eint beide das Leiden am Dasein als Einzelkind. «Verzogen, schwach und egozentrisch» flüchten sie sich in das Residuum einer durch westliche Kultur ausstaffierten Überlegenheit. Was beginnt mit LPs von Rossini, Beethoven, Liszt, Nat King Cole und Bing Crospy, setzt sich bei Hajime fort mit Armani, BMW, einer Eigentumswohnung in Aoyama und einem Ferienhäuschen bei Hakone (von den Accessoires Shimamotos zu schweigen). So ist es der Konsum als Lifestyle, der seinen zwischenzeitlichen studentischen Aufstand gegen die «spätkapitalistische Logik» hintertreibt, «der sämtliche nach dem Krieg noch verbliebenen Ideale zum Opfer gefallen waren». Doch weiss Hajime nur zu genau, wie wenig ihm der eigene Wohlstand gehört. Die Leere, das Gefühl eigener Unproduktivität überdeckt er mit softem Existentialismus. «Die Wüste lebt», doch wozu gibt es Zigaretten und Frauen, Cocktails und Jazz?
Kommt die Familie hinzu, und so ist «Gefährliche Geliebte» auch der Roman einer Midlife-crisis. Psychologisch bietet der Text indes schlichte Kost. Selber durchaus nicht jugendfrei, geht er in den übersichtlichen intellektuellen Parametern von Jugendliteratur fast vollständig auf: Ordnung vs. Chaos, Pflicht vs. Leidenschaft, Gemeinsinn vs. Egozentrik, Realitätsprinzip vs. Utopie, Gesundheit vs. Krankheit, Leben vs. Tod. Die Entdeckung des Bösen erfährt keine aporetische Vertiefung, die Zwangsläufigkeit des Verrats wird entschärft durch eine aufgesetzte Katharsis. Seicht wie die Dialoge plätschert die Sprache dahin, und wo sie sich zur Poesie aufschwingt, ist das Resultat nicht weniger bemüht, als wenn sie in Jargon abgleitet: «Ein Lächeln wie ein durchscheinendes Rauchwölkchen, das an einem windstillen Tag himmelwärts schwebt.» «Für ein, zwei kurze Augenblicke brach mein Ichgefühl auseinander, zerliefen seine Konturen zu einer zähen, sirupartigen Schmiere.» Bliebe als literarischer Mehrwert das kritische Zeitbild, doch hat der Bericht aus dem Innern des japanischen Wohlstands trotz Ansätzen zuwenig Biss, um die Abgründe der bubble economics der achtziger Jahre auszuloten. Also: man lese das Buch in einem Zug und lasse es am besten dort liegen.
Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Gefährlicher Lesegenuß,
Rezension bezieht sich auf: Gefährliche Geliebte: Roman (Taschenbuch)
Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte" befasst sich mit dem Thema der Obsession, geboren aus dem Gefühl ein unfertiges Wesen zu sein, eine leere bzw. unvollendete Seite an sich zu haben, die man mit dem Objekt seiner Begierde möglichst vollständig ausfüllen möchte.Genau dass ist nämlich das Problem von Hajime, der Hauptfigur dieses Romans, dessen Name im Japanischen schlicht und einfach „Beginn" bedeutet. Für Hajime wird das Mädchen Shimamoto zu seiner Obsession, die ihn nie ruhen lässt. Den leeren Teil seines Selbst, der durch die kurze Zeit der Bekanntschaft mit ihr, scheinbar zu seiner Befriedigung ausgefüllt worden ist, versucht er mit anderen Frauen und erotischen Eskapaden zu vervollständigen. Dabei vergleicht er jede von ihnen mit „seiner Shimamoto" und obwohl ihm die weiblichen Wesen alles über sich offenbaren und sich ihm vollkommen hingeben, ist er letztendlich unfähig ihnen das gleiche zu bieten und zerstört somit durch Verrat nicht nur das Leben der Frauen, sondern auch das seine. „Gefährliche Geliebte" ist zwar kein Roman der Action und Spannung im konventionellen Sinne erzeugt, spinnt um den Leser jedoch eine knisternde, geladene Atmosphäre die der Thematik mehr als gerecht wird. Tiefenpsychologie, Mystizismus und Erotik sind bei diesem Werk Murakamis bestens kombiniert und wirken dadurch auch kraftvoller und reifer als bei „Mister Aufziehvogel". Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
81 von 90 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schöne Melancholie,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Gefährliche Geliebte: Roman (Taschenbuch)
Murakami scheint zwei Arten von Romanen zu schreiben: einerseits Bücher wie "Wilde Schafsjagd", die aus Elementen von Roman, Krimi und Mystik bestehen, und traurige Liebesgeschichten.In denen finden eigentlich keine unerklärlichen mystischen Vorkommnise statt-niemand geht durch Wände oder ist ein Medium oder ähnliches.Dafür ist in diesen Romanen die Liebe selber das Mysterium.Dieser Roman gehört wie "Norwegian Wood" zur zweiten Sorte.Ich persönlich mag beide Murakamis ausnehmend gern.Seine Erzählweise und die Sicht der Dinge bleiben trotz allem gleich.Irgendwie schafft er es, dass ich mich immer wieder mit männlichen Hauptfiguren Ende Dreißig identifiziere, die Whisky trinken, Jazz hören und schweigsam sind- und Japaner.Alles kaum zutreffend auf meine Person, der bei Amazon hartnäckig immer wieder "Bridget Jones-Schokolade zum Frühstück" empfohlen wird (offensichtlich bin ich die entsprechende Zielgruppe). Aber ich mag stattdessen den trockenen Humor von Murakami, der oft an Raymond Chandler erinnert, und die Melancholie seines immer wiederkehrenden Helden mit verschiedenen Namen - ein unangepaßter und dennoch völlig unauffälliger Einzelgänger, der von merkwürdigen Vorkommnissen aus seiner Apathie und Anspruchslosigkeit gerissen wird. Er wünscht sich nicht mehr viel vom Leben, außer seine Ruhe, aber genau die bekommt er nicht.Die Welt findet ihn, immer wieder.Und vor allem die Frauen.Nach denen sucht er auch nicht, aber sie laufen ihm immer wieder über den Weg und bringen ihn durcheinander.So auch in diesem Fall... Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Gefährliche Geliebte,
Von
Rezension bezieht sich auf: Gefährliche Geliebte: Roman (Taschenbuch)
Es ist ein gefälliger und auch klarer Roman, er ist hinreichend präzise, spannend und ebenso geschickt in der Beschreibung seiner Personen, sei es die Gefühlslage, das Verhalten oder Aussehen oder auch die Zusammenhänge zwischen allem. Seine Sätze, wie ein abgeschossener Pfeil bleiben in der Luft, von der ersten bis zur letzten Seite und treffen letztendlich ins Schwarze. Er reizt die Phantasie. Es geht ans Herz, ans Eingemachte. Erotik pur. In einer nicht real gelebten Beziehung, die aber die tatsächliche und wirkliche lange nur in der Vorstellung begleitet bis diese ihm durch akzeptieren Übergriff entgleitet. Selbst andere kurze Beziehungen können dieser vorgestellten nichts anhaben. Und seine offenen Beschreibungen scheinen als Enzyme oder Katalysatoren aufblühender Phantasie. Aber das ist es nicht allein. Ja, es ist nur eine Begleiterscheinung auf der Suche nach dem Ich. Die hohe Reflexion über das eigene Leben, über Pläne und Träume, über Realitäten, Verletzungen und nicht Erreichtes oder Aufgegebenes für andere. Über das was einem nachgetragen wird, im Traum, scheinbar als virtuelle Hoffnung. Und es ist immer der Mangel, der einen definiert und bestimmt. Etwas, was nicht da ist, ist, was einen ausmacht, ist das was Anlass kritischer Außenbetrachtung ist und letztendlich dazu führt, das Paare sich nach zu langem kennen doch gern die Aufforderung: „Ändere Dich!" mitgeben. Und dabei vergessen, dass es immer der Mangel ist, der behoben werden müsste. Im Anfang ohne Beachtung, im Laufe der Zeit von deutlicher Wichtigkeit. Und der bleibt, es gibt keinen Menschen ohne Mangel. Und was soll man da ändern. Es ist das bereits vergangene Leben. Vergangenheit bleibt, mit ihr und in ihr sind wir erwachsen, älter geworden.Und der Tod begleitet das Leben und hält am Ende fest, dass es mehr gibt, als nur den "üblichen" Erfolg im Leben. Ein lesenwertes Buch, macht süchtig. Weglegen, nein danke. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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