Der Meister des deutschen Expressionismus wird leider in Bezug auf seine amerikanischen Filme von deutschen DVD- Labeln sträflich vernachlässigt. Dass "Woman in the Window"/ "Gefährliche Begegnung" nun auf Deutsch erscheint, ist zunächst einmal begrüßenswert, wenngleich eine etwas liebevollere Edition wünschenswert gewesen wäre.
Zum Inhalt: Der Kriminalpsychologe Richard Wanley (Edward G.Robinson) verabschiedet Frau und Kinder in den Urlaub. Seine Freunde machen sich etwas über ihn lustig, da er die Zeit nicht nutzen will, um etwas über die Stränge zu schlagen. Allerdings begegnet er bei der Betrachtung eines Frauenportraits in einem Schaufenster dem realen Vorbild, als sich Alice Reed (Joan Bennett) im Fenster spiegelt. Man kommt ins Gespräch und die beiden finden nichts dabei, das Gespräch zu nächtlicher Stunde in ihrer Wohnung fortzusetzen. Alice` plötzlich auftauchender Freund (Arthur Loft) missversteht die unverfängliche Situation und versucht Wanley zu erwürgen. In Notwehr ersticht Wanley, assistiert von Alice, seinen Angreifer mit einer Schere. Da anscheinend niemand sein Erscheinen bemerkt hat, beschließen sie, die Leiche noch in der Nacht ohne Papiere irgendwo abzulegen. Da es sich bei Alice` Freund um den reichen Unternehmer Claude Mazard handelt und der unbedarfte Wanley Fehler macht und zudem Täterwissen preisgibt, tritt ein Erpresser auf den Plan (Dan Duryea). Alice und Wanley planen, ihn umzubringen. Alles deutet darauf hin, dass Wanley an seiner Schuld zu zerbrechen droht.
Der Vergleich mit Wilders gleichzeitig entstandenem "Double Idemnity" (
Frau ohne Gewissen) ist genauso nahe liegend wie abwegig. Robinson ist nicht der leidenschaftlich Liebende, der durch eine skrupellose Frau ins Verderben gestürzt wird, sondern eher der zur Identifikation einladende Durchschnittsamerikaner, der durch einen unachtsamen Moment seine bürgerliche Existenz zu verlieren droht. Die tödlichen Konsequenzen einer Unachtsamkeit werden noch eindringlicher in Max Ophüls`
The Reckless Moment [UK Import], ebenfalls mit Joan Bennett in der weiblichen Hauptrolle, gezeigt. Es spricht nicht unbedingt für Wanleys Skrupellosigkeit, seine Tat zu vertuschen, sondern eher für Pragmatismus. Es könnte ja sein, dass man aufgehängt wird, bevor man die Tötungsumstände geklärt hat. In der ersten Szene erklärt Wanley, dass es ein Zeichen von Zivilisation sei, einen Mord nicht mit jedem anderen Tötungsdelikt, etwa Totschlag oder Notwehr, gleichzusetzen, um quasi im nächsten Schritt den Beweis für seine These anzutreten. Indirekt könnte man da auch eine leise Kritik an der (amerikanischen) Justiz herauslesen, der es um Verurteilung und nicht um die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Tötungsdelikt geht.
Ein besonderer Nervenkitzel ist es, dass sein Freund (Raymond Massey) der ermittelnde Staatsanwalt ist. In manchem ist die Begegnung Wanleys mit Alice eine böse Pygmalion-Variation. Die insgeheim begehrte Frau steht plötzlich in Fleisch und Blut vor ihm. Wilder machte im "Verflixten siebten Jahr" die Strohwitwerzeit zu einer -überwiegend- vergnüglichen Farce, hier traut der Protagonist sich selbst nicht ganz. Ein typisches Noir-Element ist auch die Beziehung des Erpressers zu seinem Opfer. Und Joan Bennett tritt hier besonders tough auf, wenngleich sie auf den ersten Blick nicht der typischen Femme fatale entspricht. Einiges an ihrem Charakter erscheint zumindest fragwürdig. Sie lässt sich von einem reichen Kerl aushalten, dessen wahren Namen sie nicht kennt, andererseits entwickelt sie durchaus freundschaftliche Gefühle für ihren Bewunderer Wanley, obgleich die Einladung in ihre Wohnung durchaus den Charakter einer schwülen Altherrenphantasie hat. Dieses durchaus Doppeldeutige in ihrem Wesen wird hervorragend von der Kameraarbeit Milton Krasners hervorgehoben, der sie häufiger doppelt zeigt, real und als Spiegelbild, manchmal nur im Spiegel. Dazu wurde Miss Bennett in einige enge Kleider genäht, die sie unglaublich sexy aussehen lassen und man fragt sich als Geschlechtsgenossin, wie die Kostümbildnerin Muriel King mit den Regeln der Schwerkraft umgegangen ist.
Die Schere als Waffe ist zudem ein sehr archaisches Motiv, das auch Hitchcock in
Bei Anruf Mord eindrucksvoll einsetzte. Virtuos wird an der Spannungsschraube gedreht. Die etwas gierige Alice behält die goldene Uhr ihres Liebhabers, was sie und Wanley belasten könnte. Ironischerweise wird ihr die Uhr von einem noch gierigeren Zeitgenossen abgenommen, der damit den Verdacht auf sich lenken wird. Geschickt wird durch den Schnitt suggeriert, ein Mann, der Wanleys Wagen anhält, habe die Leiche gesehen, während er in Wirklichkeit in diesem Moment in eine ganz andere Richtung gesehen hat. Der subtile Einsatz der Filmmusik von Arthur Lange ist hier auch hervorzuheben.
In einem Punkt zeigt der Film eine ungewohnte Ambivalenz. Wanley plant einen Mord, der allerdings nicht gelingt. Kurz darauf stirbt allerdings das potentielle Opfer und erfüllt damit Wanleys Wünsche. Juristisch ist er unschuldig, aber die moralische Schuld wiegt schwer.
Die Auflösung der Geschichte zu einem versöhnlichen Ende, das ich persönlich auch nicht für hundertprozentig gelungen halte (auch eine Frage der Erzählperspektive), wenngleich durchaus einige Indizien dies plausibel machen, verteidigte Lang: "In diesem Fall war meine Entscheidung bewusst. Wenn ich die Geschichte in ihrer logischen Konklusion festgesetzt hätte, wäre ein Mensch gefangen und exekutiert worden wegen eines Mordes, den er beging, weil er einen Moment lang `off guard` war. Selbst wenn er nicht wegen des Verbrechens verurteilt worden wäre, wäre sein Leben verpfuscht gewesen. Ich wies dieses logische Ende zurück, weil es mir defätistisch erschien; eine Tragödie um nichts, von einem unversöhnlichen Schicksal herbeigeführt." (zitiert nach Ludwig Maibohm, Fritz Lang, München 1981). Die meiner Meinung nach allzu drollige Schlusspointe verwässert etwas die Aussage des Films.
Never change a winning team: Für seinen nächsten Film
Scarlet Street (da fehlt auch noch eine deutsche Veröffentlichung!) verpflichtete Lang Kameramann und drei Darsteller von "Window" (Robinson, Bennett, Duryea).
Zur Ausstattung. Das Bild geht dem Alter des Films entsprechend in Ordnung, der Originalton ist gut verständlich, die deutsche Synchro ist allerdings sehr blechern, zwei kurze, nicht synchronisierte Szenen verbleiben im nicht untertitelten Original. Untertitel fehlen vollkommen. Als Extras gibt es lediglich drei Trailer zu anderen Filmen.
Film: Trotz kleiner Einschränkungen ein faszinierender Film Noir, aufgrund der sparsamen Ausstattung bleiben wir mal bei vier Sternen.