Manche dieser Kurzgeschichten sind so gnadenlos präzise geschrieben, dass sie sich kaum zu Ende lesen lassen. Die haarsträubende Unabwendbarkeit des Schicksals der - meist armen - Frauen und Männer, deren kleines Leben Veza Canetti sehr genau zu verstehen scheint, ist so bedrückend, dass man verzweifelt das Buch zuschlagen möchte, um das unweigerliche Ende der Geschichte nicht miterleben zu müssen. Veza Canetti lebte im Wien der Jahrhundertwende. Zahlreiche Männer setzten sich damals mit Fragen wie "weiblicher Schwachsinn", "Weibliche Hysterie" und der "Unfähigkeit des Weibes, dem Wesen nach Literatur zu schreiben", auseinander. Die Ursache für dieses plötzliche Interesse an dem Thema war das erstmalige, langsame Aufkommen von Frauenliteratur. Männliche Autoren, im Einklang mit der allgemeinen gesellschaftlichen Einstellung zu Frauen, sorgten jedoch dafür, dass diese Autorinnen, meist bis heute, nie Anerkennung fanden. Veza Canetti durfte als Gattin einen angesehenen Autors sozialkritische Kurzgeschichten schreiben, die zum Teil in der Arbeiterzeitung veröffentlicht wurden. Erst nach ihrem Tode verwendete sich ihr Mann, dessen private Rezensentin sie ihr ganzes Leben lang sein durfte, für die Publikation ihres einzigen Romans "Die gelbe Strasse". Es halten sich übrigens nachhaltig Gerüchte, wonach Veza in Wahrheit die wahre Autorin so manchen Buches des Elias Canetti gewesen sei.