Mit der Geschichte von der Erfindung des Schreibens, wie sie Sokrates in Platons "Phaidros" erzählt, stimmt Ulla Hahn uns auf ihre Anthologie "Gedichte fürs Gedächtnis" ein. "Teuth, ein ägyptischer Gott, zeigte Thamos, dem König von Ägypten, seine Erfindungen der Arithmetik, der Logik, der Geometrie und der Astronomie, vor allem aber der Schrift mit dem Hinweis: 'Mit der Schrift habe ich ein Mittel für beides gefunden: für die Weisheit und für das Gedächtnis.' Doch der König wandte ein: 'Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergesslichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen ... Teuth, du hast ein Mittel für die Erinnerung, nicht für das Gedächtnis erfunden.'"
Und weil gerade auch heutzutage wieder diesbezügliche revolutionären Veränderungen stattfinden, wo in den Zeiten des Internets unser Gedächtnis mehr und mehr extern wird, wie Ulla Hahn es ausdrückt, "Wir erinnern uns, wo wir etwas nachschlagen können, aber im Gedächtnis haben wir es nicht mehr", geht es der Autorin mit ihrer Gedichtsammlung um das Aneignen im eigenen Gedächtnis - oder, wie sie es im Untertitel des Buches zum Ausdruck bringt: ums "Inwendig-Lernen und Auswendig-Sagen".
Und so schenkt sie uns mit dem ersten Gedicht, in der Rubrik "Lieder", gleich eines meiner Lieblingsgedichte: "Under der linden / an der heide, / dâ unser zweier bette was, / dâ mugt ihr vinden / schône beide / gebrochen bluomen unde gras ..." (von Walther von der Vogelweide), das Gedicht mit dem schönen Tandaradei.
Immer noch in der Rubrik "Lieder" stoßen auf ein nächstes Highlight, "Wie er wollte geküsset sein", aus dem 17. Jahrhundert, von Paul Fleming. Wie er wollte geküsset sein? "Nirgends hin als auf den Mund / da sinkt's in des Hertzens Grund. / Nicht zu frei, nicht zu gezwungen, / nicht mit gar zu fauler Zungen. // (...) // Nicht zu nahe, nicht zu weit, / dies macht Kummer, jenes Leid. / Nicht zu trocken, nicht zu feuchte, / wie Adonis Venus reichte ..."
Sich mit Gedichten zu beschäftigen, sieht Ulla Hahn auch als einen Packt, den "wir Lebenden mit den Toten für die Ungeborenen" schließen. Dabei bezeichnet sie es als eine sinnliche Erfahrung, "ein Gedicht Wort für Wort immer wieder neu hervorzubringen, seinen Körper aus Vokalen und Konsonanten zu erforschen." Und: "Im Aussprechen machen Sie das Gedicht zu einem Gegenstand, Sie stellen es in den Raum, Sie vollziehen es nach, schaffen es nach, erzeugen es in einer Einmaligkeit, die aus der Durchdringung Ihrer und der Persönlichkeit des Gedichts kommt; Sie schaffen ein Drittes, nie Dagewesenes: Ihr Gedicht."
Ulla Hahn spricht sich fürs laute Lesen aus. Und so erfahren wir, "Goethe behielt seine Vorliebe für das laute Lesen aller Literatur ein leben lang bei." Und bei Ulla Hahn lesen wir weiter, dass in allen Gedichten, die der Erinnerung wert sind, die Zeilen ein Muster tragen. "Dies gilt auch für Gedichte, ohne strenge Form und Reim." - Und wenn wir schon bei Goethe sind. Man kann von ihm ja halten was man will, aber das schönste Gedicht des vorliegenden Buches - die sog. spätere Fassung (von 1785) von "Willkommen und Abschied" - ist von ihm: "... Doch ach, schon mit der Morgensonne / Verengt der Abschied mir das Herz: / In deinen Küssen welche Wonne! / In deinem Auge welcher Schmerz! / Ich ging, du standst und sahst zur Erden / Und sahst mir nach mit nassem Blick: / Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! / Und lieben, Götter, welch ein Glück."
Natürlich fehlen auch die herrlichen "Leise zieht durch mein Gemüt" und "Ein Jüngling liebt ein Mädchen" von Heinrich Heine nicht.
In der Rubrik "Balladen" präsentiert uns Ulla Hahn dann mit Goethes "Erlkönig" und "Der Zauberlehrling" zwei alte Schul-Quälgeister, die man in nachschulischen Lebensphasen inzwischen - hoffentlich - in anderem Lichte sieht, sowie Schillers "Der Handschuh" und "Die Bürgschaft". Mit Theodor Fontanes "John Maynard" und seinem köstlichen "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" sind die Balladen-Fürsten komplett. Wobei natürlich auch hier Heine nicht fehlen darf, auch Mörike seine Aufnahme findet, und von den Moderneren Brecht und Kästner ihre "Hanna Cash", die "Seeräuber-Jenny" und die "Sachliche Romanze" beisteuern. - Wunderschön "Der Asra" von Heinrich Heine ... "Täglich ging die wunderschöne / Sultanstochter auf und nieder / Um die Abendzeit am Springbrunn, / Wo die weißen Wasser plätschern ..."
Nach den Balladen folgt die Rubrik "Sonette", und nach den Sonetten die von Ulla Hahn als "Gedanken-Gedichte" bezeichneten Werke von Goethe, Schiller [sie sind in fast allen Kategorien mit mehreren Gedichten vertreten], ferner Lessing ("Die Ringparabel" aus Nathan der Weise), Hölderlin, Novalis, Grillparzer und anderen, so auch Hermann Hesse mit seinem schönen "Stufen". "Wie jede Blüte welkt und jede Jugend / dem Alter weicht, blüht jede Tugend / zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern."
Zu jedem Gedicht - wie auch zum jeweiligen Dichter - gibt es, mal ausführlicher, mal etwas kürzer, Informationen (Entstehung, Hintergrund, Sinn und Verständnis).
"Wer Gedichte lernt, lernt immer zweierlei zu verstehen, das Gedicht und sich", schreibt Ulla Hahn. In diesem Sinne rufe ich die nächste und in Hahns Buch letzte Rubrik, die "Meditationen" auf. Und hier sticht Rainer Maria Rilkes "Herbsttag" hervor. "Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg Deine Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren lass die Winde los. // Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; / gib ihnen noch zwei südlichere Tage, / dränge sie zur Vollendung hin und jage / die letzte Süße in den schweren Wein. // Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben."
Ich hoffe, Sie haben es inwendig und laut gelesen.
Der Gebrauch des Buches kostet einem nicht viel. Man muss lediglich dazu bereit sein, sein Herz zu öffnen. Und schon hat man mit Ulla Hahns Buch einen der schönsten Wegweiser durch die deutsche Lyrik.