Wer sich einmal auf Gedichte einlässt, von Lyrik verzaubert wird oder beeindruckt ist und in irgendeiner Form mit Dichtern auch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg spricht (so wie Friedhelm Kemp die Auseinandersetzung mit Dichtung einmal beschrieben hat), der oder die weiß, das echte Lyrik nie veraltet.
Gerade Emily Dickinson (1830-1886), eine der größten Dichterinnen in der angelsächsichen Sprache, ist ein Beispiel für eine Lyrik, die nicht veraltet. Im Grunde noch mehr: Denn manchmal scheint es, als würden die Gedichte sogar für heute geschrieben. Sie "ziehen ... ihre Leser in einen inneren Dialog, der das Gedicht über den Abgrund seiner zeitlichen Entrücktheit hinweg" (Gunhild Kübler) in die Gegenwart holt. Vielleicht bekommt die Dichterin ganz langsam auch im deutschsprachigen Bereich einen Namen und ist nicht mehr nur ein Geheimtyp (oder sollte Lyrik überhaupt schon ein Geheimtyp sein? Dann ist es mit unserer Kultur noch schlechter bestellt, als sich bisher zeigt!).
Erste Taschenbuchausgaben von Gertrud Liepe, Susanne Schaup und Lola Gruenthal haben Übersetzungen in jeweils kleiner Auswahl gebracht und begonnen, die Dichterin auch hier etwas bekannt zu machen. Die erste größere Ausgabe in der Übersetzung von Werner von Koppenfels erschien dann Ende des vorigen Jahrhunderts. Sie ließ schon ahnen, welch eine Fülle bei einer noch umfassenderen Auswahl, ja vielleicht des ganzen Werks, zu erwarten ist - auch wenn vielleicht nicht alles höchsten Ansprüchen genügt, wie manche meinen, die das ganze, bis jetzt vorliegende Werk gesichtet haben. (Es gibt immer noch Übersetzer, denen auch niedrigere Ansprüche zu hoch sind.)
Nun endlich ist eine umfassendere Auswahl der Gedichte in einer bibliophilen einbändigen Dünndruckausgabe beim Hanser Verlag erschienen. Die Herausgeberin Gunhild Kübler, zugleich Übersetzerin und Autorin eines dreißigseitigen Nachworts, verwendet als Originaltext die chronologisch geordnete und ergänzte Ausgabe von "The Poems of Emily Dickinson", herausgegeben von Ralph W. Fränklin. Wer den hier vorliegenden Originaltext mit dem von Johnson herausgegebenen Text vergleichen will, kann dies anhand der im Register angelegten Nummernkonkordanz der Ausgaben von Franklin und Johnson. Das Nachwort als erstes zu lesen, ist auf alle Fälle zu empfehlen. Es beinhaltet detaillierte biographische Notizen, die auch dann interessant sind, wenn einem vielleicht einiges bekannt ist. Es beleuchtet verschiedene Entwicklungen im Werk der Dichterin, Übersetzungsmöglichkeiten und -schwierigkeiten. "Wenn es auch unmöglich ist, Dickinsons ganzen Zauber ins Deutsche zu retten, so wird hier doch nicht von dem Versuch abgelassen." Und das ist sehr gut so. Der Dichterin wegen, der hier ein Dienst erwiesen wird, und für uns alle, die einmal mehr von Dickinson zur Hand nehmen wollen. Denn: "Wir leben heute in schnellen, kühlen Zeiten. ... Unsere Sprachen sind dabei, sich langsam zu entleeren. ... Mit einer ... entleerten Sprache über den Tagesbereich hinauszukommen, wird immer schwieriger. Dickinsons Dichtung ist das Gegenmittel gegen solche Entwicklungen."
(Für manche Bücher müsste es zehnmal so viel Sterne geben!)