Gottfried Keller (1819 - 1890) gilt als Schweizer Pendant zu Theodor Fontane. Weltberühmt ist vor allem sein Novellenzyklus 'Die Leute aus Seldwyla' und 'Der Grüne Heinrich'. Vom Maler zum Lyriker, ein Wechsel, weil er sich des Scheiterns in der Malerei bewusst war. Dann die Lyrik, ebenso der Natur verbunden wie zuvor in der Malerei.
Das "Abendlied an die Natur" als Beispiel
Hüll mich in deine grünen Decken / Und lulle mich mit Liedern ein! / Bei guter Zeit magst du mich wecken / Mit eines jungen Tages Schein! / Ich hab mich müd in dir ergangen, / Mein Aug ist matt von deiner Pracht; / Nun ist mein einziges Verlangen, / Im Traum zu ruhn durch deine Nacht
So wie die Natur ihn inspirierte, sind es auch die Lieben dieser Welt, das Scheiden und Meiden: " Oh, fernes Herz, besinne dich / Und gib ein leises Zeichen." Die unmissverständliche Botschaft an "Die Entschwundene" und doch holt die Realität ihn ein, wenn er lapidar feststellt "Doch irrend ist sie all zu weit / Und aus der Welt gegangen."
Und doch erhofft er die ewige Wiederkehr, wenn er vom Lichte sagt: "Flackre, ew'ges Licht im Tal" und weiter: "Ewig neu der Wirbel ist, / Zahllos aller Dinge Menge, / [...]/ Ewig ist, begreifst es du, / sehnend Herz nur deine Ruh!"
In den Gaselen entdeckt er die Liebe, die Schönheit in der Angebeteten, die zurückstrahlt und beide im Licht der Neider weiß. Kellers Gaselen sind weit weg von denen August von Platens, der dem orientalischen Flair eines Hafis nacheifert, in den Faltungen der Worte Entfaltungen aller schönster Art ermöglicht, gleich einer morgendlichen Knospe in der Wärme der Sonne.
"Nun schmücke mir dein dunkles Haar mit Rosen, / Den Schleier laß die Schultern klar umkosen! /
In holden Züchten laß die Augen streifen, / Sie können es so wunderbar, die losen! /
Du sollst an meinem Arm die Stadt durchschweifen / Und meiner Neider goldne Schar erbosen."
Ein Buch Romanzen, so die Satire vom Apotheker und "Gedichte" und "neue Gedichte" beenden diesen 1883 erstmal erschienenen Band.
"Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben, / Wenn es eröffnet alle seine Quellen / so beginnt er sein Sonett als Dank an das Leben, wohl wissend, dass "Das Sehnen bleibt, das uns hinüberzieht"; "Unendlich aber, was den Geist bewegt!"
1883 war aus dem Lyriker Keller längst ein Erzähler von Rang und Namen geworden. Und daher spricht das Nachtwort von dieser Ausgabe als "lyrische Testamentsbestellung".
Kellers Gedichte haben für mich nicht den Tiefgang, berühren nicht so wie die von Goethe, Schiller, haben nicht die unendliche Weite eines Hölderlin, Novalis oder Rilke. Nicht die Boshaftigkeit, Direktheit eines Baudelaires, Verlaines oder Rimbauds. Nicht die wohlgestaltete Dialektik eines Hofmannsthal, eines Georges. Und niemals die brillante und unerreichbare Raffinesse der Shakespeareschen Sonette. Gedichte sind Botschaften in die Seele, in das Innere. Dort müssen sie wirken können. Keller wurde wohl deswegen Erzähler.