"Ist das der Dichter, der immer alles klein geschrieben hat?" fragte mich meine Oma neulich. Ja, das ist Stefan George, der, der solch duestere Parkgedichte schrieb, der jede Zeile symbolhaft ausarbeitete, der in Heidelberg, Berlin und Darmstadt lebte, dem "Stolz" und "Ernsthaftigkeit" wichtige Begriffe waren ein Leben lang.
Stefan George lebte und wirkte um die Jahrhundertwende (zwischen ca. 1860 bis 1930). Der am Rhein geborene Dichter reiste in fruehen Jahren zuerst nach Frankreich, wo er Mallarme, Verlaine und den Kreis der Symbolisten kennenlernte, der ihn stark beeinflusste. Dann kehrte er zurueck nach Deutschland, um interessante Uebersetzungen zu verfassen (Shakespeare Sonnette, Dante...), die heute unverkennbar die dichterisch-dunklen symbolistischen Zuege Stefan Georges tragen und mit zu den besten literarischen Ergebnissen zaehlen, die George erzielte. Aber auch seine Dichtung ist unvergessen. Zunaechst waren es Verse, die gotisch duester waren, abgestorben, herbstlich, verlassen. Dann aber, im "Teppich des Lebens" auch sommerliche Verse und im "Jahr der Seele" schliesslich naturhaft-melancholische Gedichte, die meines Erachtens zu dem Besten gehoeren, was Stefan George dichterisch erreichte.
In der zweiten Haelfte seines Lebens wurde George zunehmend politisch. Ein Reich der Intellektuellen, ein griechisch-germanisches Reich der Geister wollte er bauen. Fuer mich wird er in dieser Zeit unzugaenglicher, manchmal auch fremd, so wenn er beispielsweise seinen Kreis der Juenger um sich schart, die ihm untergeben sind und ihn "den Meister" nennen, denen er befiehlt, gebietet: ob sie heiraten duerfen, ob sie noch zu ihm gehoeren oder nicht, ob ihre eigenen Dichtungen und literarischen Werke gut genug sind... oft gewinnt Stefan George nun einen herrschsuechtigen Zug und etwas pubertaer-Sektiererisches. Dennoch hat sein Kreis viel bewegt, so beispielsweise eine ueber Jahre hinweg existierende Kunstzeitschrift veroeffentlicht und viele Gedichte hinterlassen, die die Literaturszene Deutschlands massgeblich beeinflusste.
Ich persoenlich fuehle mich von Stefan George angezogen, aber auch abgeschreckt. Seine Gedichte beruehren mich, so wenn er beispielsweise ueber eine sterbende Rose auf seinem Fensterbrett schreibt, oder von Schneeszenen im Winter; sie wirken aber in ihrem Stolz, ihrer Wuerde und Kaelte auch manchmal etwas zu konstruiert. Es mangelt ihnen durch und durch an Demut - ein Charakterzug, der fuer mich beispielsweise Dichter wie Rilke oder Hoelderlin anziehend macht und fuer mich zu einer der menschlich hoechsten Gefuehlsfarben gehoert, die wir erreichen koennen.
Dennoch: Unvergesslich und unvergleichlich steht er da und dieser Band fasst seine saemtlichen Gedichte in schoenem, modernem Druck (der George nicht gefallen haette, aber fuer den modernen Leser gefaellig ist) zusammen. Lesenswert.