"Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt."
Rainer Maria Rilke geborgen 1875, gestorben 1926, gehört zu den eigenwilligsten, schönsten und herausragendsten Lyrikern der deutschen Sprache. Obwohl in allen seinen Werken das "ewig Wehende" steckt, hat er dieses schöne und wunderliche Gefühl auf ein großes, faszinierendes Spektrum ausgeweitet und es immer wieder symbolisch, hermetisch oder romantisch inszeniert.
"Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang."
Dies Gedicht stammt aus dem
Das Stundenbuch, dem, wie ich finde, lyrischsten Gedichtband von Rilke, der in diesem Band hier auch großzügig enthalten ist. Allerdings geht es mir bei Rilke so, dass beinahe jedes Gedicht schön ist und viele fehlten dann doch hier; ich empfehle daher entweder die Zweitausendeinsausgabe der
Werke, wo sogar noch die Prosa enthalten ist oder den [ASIN:3458173331 Inselband]] der Gedichte.
"Ich bin derselbe noch, der kniete
vor dir in alterndem Gewand:
der tiefe dienende Levite,
den du erfüllt, der dich erfand.
Die Stimme einer stillen Zelle,
an der die Welt vorüberweht, -
und du bist immer noch die Welle,
die über alle Dinge geht."
Ansonsten verweise ich noch auf meine Rezensionen bei den einzelnen Bänden, hier aufgeführt und der Chronologie der Werke folgend:
Mir zur Feier, "Stundenbuch",
Das Buch der Bilder,
Neue Gedichte,
Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus, außerdem noch die kleineren Bände "Das Marien-Leben" und "Requiem".
"Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
Im Gebälk der finstern Glockenstühle
laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,
wird ein Starkes über dieser Nahrung.
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.
Sei in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
ihrer seltsamen Begegnung Sinn.
Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin."