Der Dichter Michelangelo Buonarotti hat ein Problem - nämlich den Bildhauer und Maler.
Was Michelangelo zu Lebzeiten zusammengedacht hat, was ihn ausmachte und sein Innerstes immer wieder Antrieb war die Schönheit. Was ist Schönheit? Warum brauchen wir sie, warum begehrem viele sie so verzweifelt? Sowohl in seiner Bildhauerei/Malerei als auch in seiner Dichtung geht der dieser Frage nach.
Die Rezeption allerdings kennt den Dichter Michelangelo kaum. Diesem Umstand entspricht auch die Meinung meines Vorrezensenten:
Von sperriger Übersetzung kann gar keine Rede sein, im Gegenteil - Irving Stone versucht Michelangelos Verse zu glätten, sie weichzuzeichnen für den allgemeinen Biographiekonsumenten (womit ich nichts gegen seine wirklich sehr lesenwerte Biographie sagen möchte). Engelhard hingegen erfasst mit seiner Übersetzung den Kern der Dichtung Michelangelos. Ähnlich wie dieser in der Bildhauerei mit Überproportionierung arbeitet, um den gewünschten Effekt zu erzielen (Moses Hand!), so verkürzt er die Sprache, um sein Sprachbild in der von ihm gewünschten Dichte zu schöpfen. Michelangelo formt und presst die Sprache, an anderer Stelle lässt er sie ausfließen
Aber das ist ja das schöne an zweisprachigen Ausgaben generell un an dieser Inseltaschenbuchausgabe speziell: Jeder kann sich eine eigene Meinung bilden.
Noch eine Tatsache sollte erwähnt werden: Michelangelo ist wie Goethe einer der wenigen Dichter, die bis ins hohe Alter geschrieben haben. Mit weit über 80 Jahren verfasst er noch Gedichte, die voller Kraft auf Leben und Tod blicken:
Non più per altro da me stesso togli
l'amor, gli affetti perigliosi e vani,
che per fortuna avversa o casi strani,
ond'e' tuo amici dal mondo disciogli
Nichts Besseres gibt es, das mein Erdensein
Von Lieb' und eitler Leidenschaft entblößt,
Als wenn du mich in Qual und Unglück stößt -
Damit willst du uns von der Welt befrei'n.
Eine geeignete Ausgabe, die dem Phänomen Altersdichtung adäquat auf den Grund geht, fehlt leider bis heute, wäre aber in mehr als einer Hinsicht faszinierend.
Michelangelo Buonarotti war ein Genie - wer sich davon überzeugen will, sollte nicht zuletzt seine Gedichte lesen. Es sind großartige, kunstvolle Zeugnisse eines von der Schönheit und dem Leben besessenen Mannes, der von diesen beiden Dingen auch sein tiefes persönliches Verhältnis zu seinem Schöpfer bestimmen lässt:
Dunche, trovando in te chi per me parla
grazia di te per me fra tante cure,
tal grazia ne ringrazia chi ti scrive.
Che scondia e grande usur saria a farla,
donandoti turpissime pitture
per rîaver persone belle e vive.
Ich fand heraus, was in dir für mich spricht:
Es kann nur deine Gnade für mich sein -
Das will ich dir mit diesen Zeilen lohnen.
Ich würde wuchern und ich dankte nicht,
Gäb ich dir meine schlechten Malerei'n
Für schöne und lebendige Personen.