Schon in der Gymnasialzeit prägte sich mir Günter Eichs Gedicht "Inventur" unauslöschlich ein, obwohl ich den Namen des Autors wieder vergessen hatte. Man kann vielleicht sogar sagen, dass dieses Gedicht mit daran Schuld ist, dass in mir eine Liebe zur Lyrik, gerade auch zur modernen Lyrik, erwachte. Später begegnete es mir dann wieder in der umfangreichen Anthologie von Heinz Piontek "Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit", in der Gedichte aus tausend Jahren versammelt sind, sowie in der "Frankfurter Anthologie", die ich irgendwann zu sammeln anfing.
Günter Eich trat für mich aus der Fülle der Dichter heraus. Ich kann nicht sagen, warum. Ist es seine Konzentration auf das Wesentliche, die trotzdem dem Leser immer noch einen Zugang lässt, anders als bei manch anderen modernen Dichtern? Sind es seine Bilder, die nie kitschig sind und trotzdem nicht bloß den Kopf, sondern gerade auch die Emotionen ansprechen? Vielleicht kann man es gerade am Gedicht "Inventur" deutlich machen: Geschildert wird eine Situation, die mir als Nachgeborenem völlig fremd ist, nämlich das Erleben des Kriegsgefangenen Günter Eich. Er macht "Inventur", sichtet seinen spärlichen Besitz. Aber seine "Inventur" hat zeitlose Gültigkeit. Was brauchen wir wirklich im Leben? Was ist wesentlich? Fragen, die heute unter dem Stichwort "Simplify Your Life" wieder hochaktuell geworden sind in einer Zeit, die uns jede Orientierung verlieren lässt. Eichs Antwort: Die Verse, die er sich nachts erdachte und die er am Tage aufschreibt, sie sind ihm das Wertvollste. Auf seine Weise drückt Eich aus, dass der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt. Vielleicht war dies der Grund, dass Joachim Kaiser den Dichter einen "poetischen Propheten unserer Zeit" genannt hat, dessen "leise Stimme überdauern wird".
Ob es das ist, was mich an Günter Eich so angesprochen hat, dieser "prophetische" Charakter? Jedenfalls wuchs der Wunsch, mir einmal einen Gedichtband von Günter Eich zu kaufen. Da ich die Bibliothek Suhrkamp liebe, fiel mein Auge auf die von seiner Frau Ilse Aichinger ausgewählten Gedichte. Man kann sich sicher keine sachkundigere Auswahl denken, denn Ilse Aichinger kennt die Gedichte Günter Eichs wahrscheinlich wie keine zweite. Der Band ist deshalb meiner Meinung nach die allerbeste Möglichkeit, Günter Eich etwas besser kennen zu lernen, bevor man sich dann vielleicht irgendwann womöglich sogar den Band mit den "Sämtlichen Gedichten" kauft. Mal sehen...