"Aus Schwarzem Gold fliegen Vögel auf
und entbinden ihre Flügel.
Das immer blinder gemalte Auge sieht es
und schreibt."
Der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist vor allem für seine Reiseberichte und Novellen bekannt; er hat auch 2 bedeutende Romane geschrieben, ist also quasi ein Allroundtalent. Dass in solch einem feinfühligen und sprachlich begabten Erzähler auch ein Dichter steckt und das dieser Dichter auf seine Weise einzigartig ist, kann ich nach der Lektüre des ersten Bandes der neuen Werkausgabe freudig bestätigen..
"Wir kennen die poetische Poesie, die gemeinen Gefahren
von Mondsucht und Singstimme. Bloß balsamierte Luft,
es sei denn, man macht daraus Steine, die glänzen und schmerzen."
Nootebooms lyrisches Werk geht bis auf seine Anfänge zurück. 1956, ein Jahr nach seinem Prosadebüt
Philip und die anderen, entstand ein schmaler Gedichtband, der leider ebenso wie die Gedichte nach 2003 (welche im letzten Band der Werkausgabe,
Band 9: Poesie und Prosa 2005-2007 gesammelt wurden) hier nicht enthalten ist; 1959 folgten dann die "Kalten Gedichte"; sie sind, ebenso wie das vier Jahre darauf folgende "Schwarze Gedicht", sehr expressionistisch, aber schon gekonnt.
"Der weg zerfällt am verweinten gebirge.
nun stirbt die goldene sonne in ihrem gefolge
das rot färbt alle Bäume."
"doch der Wind reitet vorbei auf kopfscheuen pferden
der mond wählt einen ängstlichen Weg in die Wolken
nur ab und zu fallen silberne Splitter herunter"
Mit dem neuen Nobelpreisträger Tranströmer hat Nooteboom die Versiertheit der sprachlichen Bilder gemein, allerdings hat er nicht dessen Klarheit; stattdessen möchte ich gerne einen Vergleich zu einem anderen Dichter ziehen, nämlich zu
Jorges Luis Borges, mit dem er eine demütige, poetisch-feine Sprache, vor allem in seinem Spätwerk, gemein hat; besonders stark habe ich mich bei dem aus als Einzelband veröffentlichten Werk
Das Gesicht des Auges an ihn erinnert gefühlt. Von Borges trennt ihn wiederum seine nicht intelligibeln, sondern existenziellen dichterischen Themen. Bei Nooteboom geht es nämlich oft auch um das Schreiben selbst, oder um das Lesen und dazwischen um die Möglichkeiten von Erkennen, Einfangen und Ausdrücken (auch dies besonders in DGdA); das verknüpft er gerne mit einem anderen Thema von ihm: mit Relativität und Zeit, zwei Themen, die auch Borges signifikant beschäftigten.
"Ich lese deine Gedichte in Broome,
auf der anderen Seite der Welt.
Nicht Besonderes. Es gibt nur eine
und die ist rund."
"Ich, der ich gelernt habe,
dass die Zukunft ein Motor ist,
der noch nie gelaufen ist,
dass alle Sprachen dasselbe verschweigen
und all meine einmaligen Träume
im Kino zu sehen sind."
Doch bei all dem, was ich bereits gesagt habe und was man leicht erkennen kann, ist Nooteboom zusätzlich noch ein Dichter mit zwei Gesichtern. Seine klareren und poetischen Werke, waren für ihn kein Grund auch andere, kryptisch-hermetischere Lyrik zu schreiben; Gedichte in denen fast in jeder Zeile zwei Wörter aufeinander losgelassen werden, in denen Kontraste dominieren, in denen der Sinn ein Zauberwürfel in Form eines Prismas ist.
"Doch drüben, wo der Tod ist, an Land,
liest der Wind in der Zeitung der Zeit,
dort reden Tote in ihren weiten Schemen
von Ewigkeit und Einsamkeit."
"Die besten Dichter haben uns einige gute Gedichte hinterlassen, haben ein paar Zeilen zum Beweis der Poesie vorzuweisen und sind niemals darauf verfallenen eine zweidimensionale Zeile zu verfassen." Wenn dieser Satz von Ezra Pound stimmt, dann ist Nooteboom ein großer Dichter. Für mich auch deswegen, weil er Poesie und Abstraktion auf eine Weise vereint, die nur die größten Meistern können; sodass man zwar stürmische Zeilen liest, aber auch vom Autor ein Schiff bekommt, mit dem man darauf fahren kann. In diesem Sinne ist eigentlich jede Etappe dieses Werkes lesenswert, vor allem, weil wegen der langen Entstehungszeit wahrscheinlich für jeden etwas dabei sein wird.
"So wie die Lilie einschläft
in ihrem Hotel, die Nacht vor Kriegsbeginn,
während unten der Portier
die Rechnungen schreibt.
So werden Jahre Zeit."
Zu dieser Ausgabe, Gesammelte Werke Bd.1:
Inhalt:
Kalte Gedichte (1959/ Koude gedichten)
Das schwarze Gedicht (1960/ Het zwarte gedicht)
Geschlossene Gedichte (1964/ Gesloten gedichten)
Anwesend, Abwesend (1970/ Gemaakte gedichten)
Offen wie eine Muschel, geschlossen wie ein Stein (1978/ Open als een schelp ' dicht als een steen)
Aas (1982)
Paesaggi narrati (1982/ Het landschap verteld. Paesaggi narrati)
Das Gesicht des Auges (1989/ Het gezicht van het oog)
So könnte es sein (2001/ Zo kon het zijn)
Begegnungen (2001, nicht einzeln veröffentlicht)
Eine Spur im weißen Sand (2002/ Stichting De witte Mier; bibliophile Ausgabe)
Drei lose Gedichte (2002, nicht einzeln veröffentlicht)
Hin und Her (2003/ Over en heer; bibliophile Ausgabe)
es fehlen der erste Gedichtband "De doden zoeken een huis" und scheinbar auch der Band von 1991 "Water, aarde, vuur, lucht".
Außerdem ist noch der Kurzprosa-Band
Selbstbildnis eines Anderen enthalten, mit 33 Texten, ursprünglich entstanden aus der Begegnung Nootebooms mit Bildern von Max Neumann.
Des Weiteren natürlich noch ein Anhang mit
Anmerkungen (die etwas willkürlich und ungenügend sind; Personen werden manchmal erklärt manchmal nicht, Zitate in spanisch oder französisch manchmal übersetzt, manchmal nicht.)
Editorische Notiz
Nachwort von Susanne Schaber, die die Werkausgabe herausgegeben hat.
Alphabetisches Verzeichnis der Gedichte.
P.S.: Im ersten Kommentar befinden sich noch ein paar Textbeispiele