"Möchte man die Gedichtbände anders als üblich gedruckt herausbringen -- kleiner, in die Tasche zu stecken..." (B.B.) Nun, der Insel-Verlag ist mit dieser Taschenbuch-Ausgabe seiner gesammelten Gedichte Brechts Wunsch nachgekommen. Allerdings sollte es schon eine etwas breitere Tasche sein, denn Brechts Gedichte sind nicht nur weitaus vielgestaltiger, als man das gemeinhin glaubt -- es gibt deren auch sehr viele. Knapp 1400 Dünndruck-Seiten wollen verstaut sein...
Brechts sämtliche Gedichte, vom Beitrag für die Schülerzeitung 1913 bis zu den letzten Gedichten 1956, sind hier in einem Band enthalten, dazu kommen noch Übersetzungen, Nachdichtungen und Bearbeitungen, z.B. aus klassischen englischen oder chinesischen Werken, sowie Gedichte und Songs aus den Stücken und Prosatexten. Gut so! Eine Edition von Brecht-Gedichten ohne "Mackie Messer", "Kanonen-Song", das "Lied von der Moldau" usw. usw. wäre ein Torso.
Aber man kauft sich Brechts "Gedichte in einem Band" ja nicht nur, um Altbekanntes wiederzulesen -- das freilich auch. Aber man kann sich hier blätternd und schmökernd davon überzeugen, dass Brecht mit Recht zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt. Man findet witzige Kindergedichte, erotische und reflektierende Sonette, Songtexte mit Gassenhauer-Qualitäten, Parodien und fiesen Spott ("700 Intellektuelle beten einen Öltank an"), Psalmen, politische und Liebesgedichte, Propaganda... Man bemerkt schnell: Brecht beherrschte die verschiedenen Formen, aber das hinderte ihn nicht daran, gegen sie zu verstoßen, selber neue Formen zu erproben oder fremde, unbekannte Formen aufzugreifen -- und Meisterhaftes zu schaffen. Langweilig wird die Lektüre nie sein, überraschend hingegen umso öfter; auch beim Lesen seiner Gedichte sieht man förmlich die berühmten Schilder mit der Aufschrift "Glotzt nicht so romantisch!" vor sich.
Nachdem die ideologischen Wogen für und wider Brecht nun endlich verebbt sind, ist vielleicht auch die Sicht klar genug, um Brecht als das wahrzunehmen, das er zuvörderst war: Ein begnadeter Lyriker, der die Dinge beim Namen nannte, der sich nie scheute, parteiisch zu sein, der die Sprache der "kleinen Leute" benutzte, weil er von ihnen gelesen werden wollte -- und der in seinen Gedichten die Gegenwart thematisierte; es heißt nicht umsonst, seine Gedichte stellten eine Chronik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar.
Der Band ist -- bis auf den oben erwähnten Anhang -- chronologisch aufgebaut; zu Lebzeiten Brechts herausgegebene Gedichtbände und -zyklen stehen jeweils im Original-Zusammenhang (bei Gedichten aus dem Nachlass wurde möglichst versucht, dieses Prinzip beizubehalten). Dem Textteil folgt ein knapper Anmerkunsgapparat, ein ausführliches Inhaltsverzeichnis und ein alphabetisches Verzeichnis nach Überschriften und Anfangszeilen.
Ein Gedichtband nicht zum Bestaunen, sondern zum Lesen!