Klar, Theodor Fontane wurde vor allem wegen seiner großartigen Romane berühmt -- aber eine so schöne Ballade wie der "Herr Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" kann kein Zufallstreffer gewesen sein. Gut, "John Maynard" und "Archibald Douglas" kennt man auch noch, aber wie steht's mit Fontanes anderen Gedichten?
Dieser von Karl Richter vorbildlich edierte Band enthält in chronologischer Reihenfolge Fontanes Gedichte; wer will, kann also gleich seine literarische Entwicklung verfolgen: von der noch spätromantisch angehauchten Naturlyrik und den Einflüssen des "Jungen Deutschland" (Herweghs Einfluss auf seine Lyrik thematisiert Fontane sogar im Gedicht) über reichlich resignierte, scheinbar an den Geschmack der Restauration nach 1848/49 angepasste Lyrik mit oft bitterem Unterton ("Bei Verbannung meines Tagebuchs") bis zu den Altersgedichten, deren Form nur scheinbar einfach gestrickt ist.
Durchs ganze lyrische Werk zieht sich eine charakteristische Abneigung gegen allzu Hehres, Abgehobenes; Fontane selbst nennt es in "Was mir fehlte" den "Sinn für Feierlichkeit". Es deutet sich schon an bei den Balladen-Sujets aus der Sagenwelt, aber richtig deutlich wird es z.B. in dem Gedicht "Würd es mir fehlen, würd ich's vermissen" -- der Ton des Gedichts wirkt zunächst resigniert, aber die Details sind im Kontrast dazu viel zu liebevoll ausgearbeitet, um diesen Eindruck zu stützen. Ein kleines Prachtstück ist auch "Fritz Kratzfuß" -- nicht nur wegen der Schlusspointe und nicht nur wegen Fritz' bemerkenswerten Buchzeichens. Wenn man's laut liest, kommt man gleich drauf: Der sonst von hehrer Klassik beschlagnahmte Blankvers dient hier der Schilderung des Kramladen-Inventars. Und dann natürlich der unsterbliche verschmitzte Herr Ribbeck in der damals Heroischerem vorbehaltenen Ballade...
Dazu kommt Fontanes hinterhältige Ironie, seine Skepsis gegenüber der Großmannsucht des Kaiserreichs. Sein Spott trifft vor allem die "Feine Gesellschaft": Der Zyklus "Aus der Gesellschaft" z.B. nimmt Strebertum und Standesdünkel ins Visier, nicht ohne den nivellierenden Einfluss der Badehose grinsend zu erwähnen. Auch den Nationalheiligen Bismarck trifft Fontanes Spott ("Das bißchen Deutschland zusammenzuschweißen"), ebenso wie die hagiographische Firnis des "Dreikaiserjahres" 1888 (in "Knittelvers"), die sandgestrahlten Karrieristen sowieso, und die Ballade "Brunnenpromenade" zeichnet mit gediegener Bosheit ein Panorama der "Guten Gesellschaft".
Diese Reclam-Ausgabe empfiehlt sich nicht nur wegen des praktischen Formats und des günstigen Preises, sondern vor allem wegen Karl Richters vorbildlicher Edition. Der Erläuterungsteil zu den einzelnen Gedichten ist beeindruckend, und das ausführliche Nachwort führt in Fontanes Schaffen ein, ohne besondere Vorkenntnisse zu erfordern. Das bringt hier den fünften Stern.
Es lohnt sich also auf jeden Fall, Fontanes Gedichte zu lesen. Sicher, er ist kein Virtuose der lyrischen Form. Aber seine Gedichte und Balladen zeugen von hellwachem Geist, und Spaß macht's auch, obwohl Fontane kein Witzbold ist -- oder besser: WEIL er kein Witzbold ist, macht's Spaß.