Auch in dieser Gedichtsammlung wünscht man sich mal wieder das Weglassen als editorische Leistung. Unter den Texten sind allzu viele Niedlichkeiten und Nichtigkeiten, Banalitäten wie das Lied vom Vöglein ("Vöglein Vöglein vom Zweig gaukelt hernieder, Lustig sogleich / Schwingt es sich wieder" oder die "Schiffer"-Gedichte. Dass Hebbel auch als Lyriker taugt, zeigt er dagegen eher in den Scheide- und Abschiedsliedern.
Hebbel beherrscht zudem balladeske Stoffe, und das sind in der Regel die besseren Beiträge dieser Sammlung. Die Moral ist bisweilen weitsichtig wie in "Die Polen sollen leben": "Sie sahn das Schicksal winken / Und haben's wohl erkannt / Dass Polen bald den Toten gleicht / Doch keiner ahnt, wie bald vielleicht / Die Welt dem Polenland."
Dass der Autor über tiefe Einsichten verfügt, zeigt er auch an anderer Stelle: "Schilt nimmer mehr die Stunde hart / Die fort von Dir was Theures reißt / ... / Sie will dich vorbereiten ernst / Auf das, was unabwendbar droht / Damit du heut entbehren lernst / Was morgen sicher raubt der Tod."
Meist fehlen allerdings Kraft, Form und vor allem Originalität, um dieser Zusammenstellung Bedeutung zu verleihen. Zu oft handelt es sich bei den Gedichten um Beiträge von der Stange, die Inhalte sind sattsam bekannt: Die treuen Brüder, die schlafende Amme, während das Kind in Gefahr ist, die Affäre zwischen Ritter und Bettelmädchen und deren moralinsaures Ende.
Formal und inhaltlich gelungen dagegen die Sonette, wie man Hebbel überhaupt sprachliche und formale Souveränität unterstellen darf. Unter den Sonetten befindet sich dann auch eines der Highlights dieser Sammlung, Die Freiheit der Sünde", ein geradezu philosophisch-weltweiser Versuch, oder die inhaltlich überzeugenden Sonette An den Künstler".
Bei diesen Sonetten handelt es sich insgesamt um teils vollendete Kunstwerke, die die Sammlung generell auf ein höheres Niveau hieven.
Dies gilt leider nicht für die darauffolgenden Epigramme (u.a. zu Kunst und Ethik), die merklich schwächeln, was ihre Ausdruckskraft anbetrifft:
An einen Schriftsteller: Vogel möchtest du sein / Das muss ich dir leider bestreiten / Aber ein Tausendfuß bist du, das räume ich ein".
Die Lobeshymnen auf Goethe und Schiller (dessen Genius Hebbel interessanterweise auf den großen französischen Kaiser" zurückführt, reichen nicht aus, um das eigene Werk mit emporzuheben.